Wie macht man sich nebenbei selbstständig?

Aus dem Hobby ein Beruf zu machen ist der Traum vieler twentysomethings. Jeden Tag etwas zu machen, das Spaß macht und von seiner Leidenschaft leben – das wärs.

Im heutigen Interview spreche ich mit einer jungen Frau, die diesen Traum zumindest teilweise lebt: Annika Martin hat sich vor wenigen Monaten als Fotografin nebenbei selbstständig gemacht und verdient Geld mit ihrem Hobby. Im Interview mit dem twentysomething 1×1 spricht sie darüber, wie sie das geschafft hat, warum sie immer noch ab und zu zweifelt und was ihre nächsten Ziele sind.

 

Hey Annika, kannst du dich kurz vorstellen?

Annika Martin

Annika Martin

Klar! Ich bin Annika, 23 Jahre und komme aus der wunderschönen Pfalz. Tagsüber arbeite ich als Eventmanagerin und nebenbei habe ich mich der Fotografie verschrieben. Ich fotografiere auf Hochzeiten, mache Portraits und Aufnahmen von Familien und Kindern.

 

 

Wie bist du zum Fotografieren gekommen?

Das war eher ein Zufall. Ich habe mich schon lange für die Fotografie interessiert und mir damals von meinem 1. Gehalt als duale Studentin sogar schon eine Spiegelreflexkamera gekauft. Im Urlaub habe ich mich dann ausprobiert und fleißig „geknipst“. Meistens im Automatik-Modus, weil ich die ganzen Einstellungen einfach nicht kapiert habe. Auch etliche Bücher konnten einfach das Wissen nicht in meinen Kopf bringen. Mit „Fotografieren“ hatte das rein gar nichts zu tun.

In den letzten Wochen von meinem dualen Studium, also mitten im totalen Chaos der Abschlussprüfungen, bin ich dann durch Zufall auf einen Aufruf einer Fotografin gestoßen, die eine Praktikantin suchte, die sie bei Hochzeiten und Shootings begleitet. Ich dachte mir, okay, wann wenn nicht jetzt? Also habe ich mich kurzerhand  beworben und – bin leider nicht genommen worden. Pech gehabt.

Doch ich hatte Lunte gerochen und setzte es mir in den Kopf jemanden zu finden, der mir das Fotografien beibringt. Ich suchte im Internet nach Fotografen in meiner Nähe und zufällig fand ich Sarina bei Facebook und schrieb sie einfach mal an. Ich hätte es besser nicht erwischen können. Sarina habe ich ab der ersten Mail in mein Herz geschlossen und sie hat das große Interesse und die Leidenschaft an der Fotografie in mir geweckt. Plötzlich war´s gar nicht mehr so schwer, auch mal im manuellen Modus zu fotografieren und plötzlich habe ich mich auch für das ganze Thema außen rum interessiert.

 

Was waren deine ersten Schritte, um das Ganze professionell zu machen?

Der erste Schritt war klar der Kauf einer neuen Spiegelreflexkamera und einiger Objektive. Ich merkte einfach, dass mein altes Equipment für professionelle Fotos nicht ausreicht. Als die ersten Shootings und mein erster Hochzeitsworkshop vorbei waren, habe ich mit der Hilfe eines Freundes  und den ersten Bildern meine eigene Homepage und eine eigene Facebook-Seite aufgebaut. So fing das alles an und entwickelte sich.

 

Was waren deine größten Ängste und Bedenken bei dem Gedanken professionell zu fotografieren?

Am Anfang hatte ich mich einfach nicht getraut, von Bekannten und „Kunden“ eine gerechte Entlohnung für diese Arbeit zu verlangen. Wie gesagt, die größte Angst war, dass die Leute darüber schmunzeln und mich nicht ernst nehmen, in dem was ich mache. Diese Angst hat sich zum Glück nicht bestätigt.

 

Wie lief dein Start in die Selbstständigkeit?

Der Start lief eigentlich gut. Aber die Leute haben meine Arbeit mehr geschätzt, als ich selbst. Ich habe mich anfangs kaum getraut, auch nur ein Foto zu veröffentlichen und zu zeigen. Weil ich dachte, es schmunzeln alle über mich. Aber es war nicht so, und das musste ich erst lernen. Ich musste lernen, Preise festzulegen, die gerechtfertigt für diese Arbeit sind und musste lernen, meine Arbeit selbst zu schätzen. Das dauert alles seine Zeit, und auch heute bin ich mit meiner Arbeit oft unzufrieden, obwohl die Empfänger der Bilder total glücklich sind. Aber ich habe dann recht schnell mein Gewerbe angemeldet und das alles offiziell gemacht.

 

Wie hat sich deine Selbständigkeit bis heute entwickelt?

Mittlerweile wissen die Leute in meinem Umfeld alle von meinem „Nebenberuf“. Ich nenne es ungerne Nebenberuf, denn es ist viel mehr meine Leidenschaft, die ich neben meinem Vollzeitjob auslebe. Leute sprechen mich auf meine Arbeit als Fotografin an, sagen mir, dass sie meine Fotos gesehen haben und sie toll finden. Es kommen inzwischen Anfragen für Hochzeiten für über ein Jahr später. Ich dachte am Anfang, ich habe mich verlesen, als eine Mail kam für eine Hochzeit 15 Monate später. Inzwischen habe wöchentlich um die 2-3 Shootings und ich bin vor jedem aufgeregt, als wär es mein 1. 😉

 

Wie fühlt es sich heute an, wenn man sein Hobby zumindest teilweise zum Beruf gemacht hat? Fühlt es sich überhaupt noch wie Arbeit an?

Die Shootings an sich, da fühlt sich keine Sekunde wie Arbeit an, selbst nach 13h Hochzeitsreportage nicht. Die Arbeit nach den Shootings, das Sortieren, Auswählen und Bearbeiten der Bilder, was einfach unglaublich viel Zeit in Anspruch nimmt, dass verfluche ich ab und an. Und das fühlt sich dann schon, zwar selten, aber hin und wieder wie Arbeit an. Vor allem nach einem ganzen Tag im Büro, abends dann nochmal Stunden am PC zuhause sitzen, das ist schon mal nervig. Die Buchhaltung ist Arbeit für mich, die könnte ich liebend gerne sein lassen 😉 Aber alles andere ist pure Leidenschaft und keinesfalls Arbeit

 

Wie organisierst du deine Arbeit, immerhin hast du ja noch einen „richtigen“ Job?

Da gehören viel Planung und Absprachen dazu. Meine „Kunden“ sind da einfach traumhaft, die gehen da verdammt viel auf mich zu und  sind echt flexibel. Im Sommer ist das weniger problematisch, weil es da abends locker um 20.00 Uhr noch möglich ist, draußen zu fotografieren. Aber sobald es abends früher dunkel wird, wird das immer schwieriger. Ich habe Gott sei Dank eine Arbeitsstelle bei der ich Gleitzeitarbeitszeit habe und kann mir dadurch meine Arbeit  größtenteils flexibler einteilen. Da heißt es dann früher aufstehen, damit ich abends früher für meine Kunden da bin. Außerdem müssen die Freunde und Familie dahinter stehen und dich unterstützen. Im Sommer ist Hochsaison, da bleiben kaum freie Tage am Wochenende, an denen man Zeit hat, um mit Freunde und der Familie etwas zu übernehmen. Doch ich habe das Glück, dass alle hinter mir stehen, sich für meine Arbeit interessieren und dann die wenigen freien Tage die es gibt, dann auch wirklich zu schätzen wissen.

 

Kannst du dir vorstellen, das Fotografieren als Vollzeitjob zu machen?

Ja, das ist der Traum von mir.  Aber ich liebe auch den Job als Eventmanagerin und möchte den gerade noch nicht ganz aufgeben. Diese Abwechslung mag ich gerade ganz gerne. Nur leider muss ich auch dazu sagen, dass ich ein kleiner Sicherheitsmensch bin. Unsicherheit macht mich verrückt und nervös. Wäre ich momentan voll auf die Fotografie angewiesen, und wäre gezwungen Aufträge zu bekommen, würde mich das ziemlich unsicher machen und mir die Lockerheit, die ich in der Fotografie momentan habe, etwas nehmen. Aber der Traum ist dieses Gewerbe weiter aufzubauen und mich weiterzuentwickeln, damit ich eines Tages davon leben kann. Das ist das Ziel, was ich mir selbst gegeben habe. Momentan ist es aber noch gut, so wie es ist.

 

Wenn du auf die letzten paar Monate zurückblickst: Würdest du etwas anders machen?

Naja meine Selbstkritik bringt mich und auch meine Mama oft zum Verzweifeln 😉 Ich ärgere mich eigentlich nach jedem Shooting immer über Kleinigkeiten, bei denen ich dann der Meinung bin, dass ich es hätte anders und besser machen müssen. Das endet oft in Unzufriedenheit, obwohl das Shooting gut lief und die Ergebnisse auch gut sind. Es ist zwar wichtig selbstkritisch zu sein, sonst würde ich stehen bleiben, aber selbst auch mal zufrieden zu sein ohne Zweifel, täte mir und meinem Umfeld ganz gut.

 

Worauf bist du im Rückblick besonders stolz, was war dein schönster Moment?

Ich bin stolz darauf, dass meine Arbeit angenommen wird. Dass Leute wahrnehmen, was ich mache. Die schönsten Momente sind immer, wenn die Leute ihre Bilder erhalten und mir umgehend eine positive Rückmeldung geben. Bei jeder Danksagungskarte, die ich vom einem meiner Brautpaare erhalte, könnte ich vor Freude in Tränen ausbrechen. Denn erstens ist es eine besondere Wertschätzung, dass die Paare damit auch an mich denken beim „Danke sagen“, und zweitens ist es einfach unbeschreiblich, die eigenen Bilder auf einer solchen Karte zu sehen. Mir ist es wichtig, dass ich jetzt gerade speziell bei den Brautpaaren nicht einfach ein Kostenfaktor im Hochzeitsbudget bin, sondern auch wirklich als Mensch wahrgenommen werde. Mit allen meinen bisherigen Brautpaaren habe ich eine Beziehung aufgebaut und viele davon darf ich glücklicherweise nun zu meinen Freunden zählen.

 

Was planst du für die Zukunft?

Vor allem möchte ich mich persönlich weiterentwickeln. Ich stecke mir deshalb immer wieder neue Ziele, die ich erreichen möchte, um nicht bei dem Stand heute stehen zu bleiben. Ich möchte noch viel mehr sehen, erleben, Leute kennen lernen, neue Projekte auf den Weg bringen, noch mehr Emotionen und Augenblicke für die Ewigkeit festhalten und mein Gewerbe immer weiter auszubauen. Grenzen habe ich mir keine gesetzt. Ich möchte einfach mal schauen wohin mich der Weg führt.

 

Welche Tipps kannst du jungen Menschen mitgeben, die sich gerade im Moment mit dem Gedanken beschäftigen, sich nebenbei selbstständig zu machen?

Macht das wofür ihr brennt. Selbstständigkeit ist mit viel Arbeit und Zeit verbunden. Viele Sachen müssen erstmal hinten angestellt werden. Aber wenn ihr es wirklich wollt, wenn ihr so richtig dafür brennt, dann traut euch! Glaubt an euch und das was ihr tut! Ihr seid gut darin und das werden auch andere Leute sehen und zu schätzen wissen. Und lernt eure Arbeit selbst zu schätzen. Sie ist es wert!

 

Vielen Dank Annika für das tolle Interview.

Wenn du mit Annika zusammenarbeiten willst oder ihr einfach mehr über sie erfahren willst, dann checke unbedingt ihre Homepage annikamartin-fotografie.de oder ihre Facebook-Seite.

 

Hast du auch vor dich nebenbei selbstständig zu machen? Oder hast es bereits gemacht?

 

Schreibe einen Kommentar und lasse es mich wissen.

PS: Falls dir der Post geholfen hat, dann teile ihn doch mit deinen Freunden und allen twentysomethings, die ihre Zwanziger richtig leben wollen.

Pascal Keller

Pascal ist Gründer und Autor des twentysomething 1x1. Er hat zwar nicht alle Antworten auf das Leben als twentysomething, aber er versucht sie zu finden und damit anderen jungen Menschen zu helfen ihre Zwanziger zur besten Zeit ihres Lebens zu machen.
  • Christopher Batke

    Ich hätte einen Tipp für Annika: Du könntest peu à peu deine Arbeitszeit reduzieren. So behälst du die Sicherheit, hast aber auch mehr Freiraum für deine Leidenschaft. Außerdem bietet sich so Wachstumspotenzial für neue Kunden. Mit einer Reduzierung auf 80% Arbeitszeit könntest du dir schon eine 4-Tage-Woche im Hauptjob einrichten. Und schwupps wäre ein ganzer freier Tag für Shootings, so dass auch mehr tagsüber möglich ist oder andersherum ein Ausgleich für die fehlenden Wochenenden da ist.
    Bei aller Leidenschaft darf man auch die Selbstsorge nicht vergessen 🙂 Ich selbst arbeite derzeit übrigens 80% und bereite eine Selbstständigkeit vor. Im November und Dezember reduziere ich noch einmal auf 50%. Im Januar geht es dann volle Pulle los als Social Entrepreneur 🙂
    Teilzeit ist super! Und so lange es sich nicht um einen Kleinstbetrieb handelt, hat da lautTeilzeit- und Befristungsgesetz auch jeder deutsche Arbeitnehmer Anspruch drauf.