Generation Y Erfolg

Nach meinem Abi hatte ich eine Idee. Ich wollte studieren und arbeiten – und zwar gleichzeitig. Ich wollte aus der Masse herausstechen und meinen Lebenslauf bestmöglich aussehen lassen. Also bewarb ich mich für ein duales Studium bei einem internationalen Automobilzulieferer.

Ich wurde genommen und bald darauf fing ich an zu arbeiten und zu studieren – gleichzeitig.

Ich dachte, mit einem sehr guten Abschluss, viel praktischer Erfahrung und dem geforderten „außeruniversitärem Engagement“, würde ich meinen Konkurrenten immer einen Schritt voraus sein. Ich würde als Manager eine steile Karriere hinlegen, jeden Morgen mit meinem teuren Firmenwagen zum Büro fahren und natürlich massenweise Kohle scheffeln.

Das war, wie ich mir Erfolg vor fünf Jahren vorstellte.

 

Geflasht von neuen Eindrücken

Die ersten paar Monate im Unternehmen waren super spannend. Ich besuchte Meetings mit Führungskräften der Firma. Ich bekam mein erstes Gehalt. Ich hatte eigene Accounts und aß mit angesehenen Managern zu Mittag. Und während sich die Manager beim Mittagsessen über “profit margin” und “EBIT” unterhielten, versuchte ich alles aufzusaugen.

Ich war geflasht von dieser neuen Welt, umgeben von machtvollen Menschen, die ich bewunderte. Sie waren gut gekleidet, flogen zu wichtigen Geschäftsmeetings nach Singapur oder Dallas, hatten ein nagelneues Blackberry und durften  ihren Firmenwagen direkt vor dem Eingang parken.

Über sie wurde gesprochen und wenn immer sie in den Raum kamen, herrschte kurz Stille, weil jeder zu ihnen aufblickte.

„Wow“, dachte ich, „das will ich auch mal!”

Wie ein junger Schüler versuchte ich deshalb, mir alles von diesen erfolgreichen Menschen abzuschauen.

Ich kleidete mich ebenfalls etwas besser. Ich schlug plötzlich mit Begriffen wie „Cash flow“ , „Return on investment“ oder „Networking“ um mich, ohne zu wissen, was sie wirklich bedeuteten. Ich begann mir Gedanken über Business zu machen und las von nun an das Manager Magzin und die Wirtschaftswoche.

Die ersten Monate im Betrieb fühlte sich für mich so an, wie wenn du als kleines Kind endlich mit den Großen auf dem großen Platz Fußball spielen darfst:

Ich war stolz und bereit, es allen zu zeigen.

 

Der Zauber war verfolgen

Zwei Jahre und vier Praxisphasen später, war der Zauber der ersten Monate verflogen. Manager, Meetings und Morgenkaffee waren für mich zum Alltag geworden. Meine anfängliche Euphorie war der Realität gewichen.

Ich hatte die Menschen hinter meinen „Vorbildern“ kennengelernt.

Ich hatte gesehen, wie schwer sie sich den Erfolg erarbeiten mussten. Ich hatte gesehen, wie sie ausgebrannt und mit tiefen Augenrändern ins Büro kamen und kaum dort angekommen, ihr normaler Wahnsinn losging.

Das Telefon klingte im 5-Minuten-Takt. Ein Meeting nach dem anderen bestimmte den Tag. Die Mittagspause bestand aus einem Kaffee und einer Zigarette. Der Feierabend war erst dann erreicht, wenn es draußen schon wieder dunkel wurde.

Ich kann mich noch gut dran erinnern, als ich mit einem der Manager beim Mittagessen in der Kantine unterhielt und ich ihn nach seinen Hobbys abseits der Arbeit fragte: “Meine Hobbys” lachte er ironisch, “sind Brände löschen und Schlaf aufholen. Und die Rechnungen meiner Frau bezahlen”.

Ich glaube daran, dass jeder Mensch einen “Startpunkt” hat, an dem er sich entscheidet, was für ihn erfolgreich zu sein bedeutet. Diese Aussage war mein Startpunkt.

— War das wirklich, was ich wollte? War es das, was Erfolg für mich bedeutete? —

70 Stunden die Woche arbeiten? Keine Zeit für Dinge und Menschen zu haben, die ich liebe? Vielleicht gar bessere Beziehungen zu Menschen zu haben, die ich einmal die Woche im Meeting sehe, als zu Menschen, die ich schon seit dem Kindergarten kenne?

Ich zweifelte und realisierte irgendwo in mir drin, dass dieses Leben für mich nicht Erfolg bedeuten konnte.

Aber sollte es doch?

Schließlich verdienten die  Manager gutes Geld, waren angesehen, wichtig, einflussreich, hatten einen sicheren Job und ein großes Firmenauto…DAS ist doch Erfolg! Oder?

 

Erfolg ist etwas Individuelles

Erfolg ist etwas Individuelles und es gibt nicht nur die eine, strikte Definition von Erfolg.

  • Für den einen bedeutet Erfolg immer besser Gitarre zu spielen, um sein Lieblingslied perfekt spielen zu können.
  • Für einen anderen bedeutet Erfolg sein Glück in einer Beziehung zu finden, in der er liebt und geliebt wird.
  • Für den anderen wiederum bedeutet Erfolg Geld und Status. Je mehr Geld und Status er hat, desto erfolgreicher fühlt er sich.

Welche Definition ist nun richtiger?

Die Antwort: Keine und alle, denn es gibt hier kein Richtig und kein Falsch.

Erfolg ist eine Frage des Blickwinkels, der Einstellung und vor allem eine Frage der Maßstäbe. Und nicht immer müssen die Maßstäbe den “normalen” Maßstäben wie Geld, Ansehen, Macht und Sicherheit entsprechen.

Sie können stattdessen oder daneben auch Freundschaft, Liebe, Unabhängigkeit, Leidenschaft oder Freiheit heißen.

Letztlich entscheiden wir – und nur wir – anhand welcher Maßstäbe wir Erfolg messen. Doch wir können nur etwas messen, das wir vorher definiert haben. Deshalb ist es unsere Aufgabe, Erfolg für uns persönlich zu definieren.

  • Frei vom Einfluss der Gesellschaft.
  • Frei vom Einfluss unserer Freunde.
  • Frei vom Einfluss unserer Eltern.

Nur wenn wir unsere eigene Definition von Erfolg haben, können wir sagen “Ja, ich bin erfolgreich”, egal ob das für Ausstehende richtig oder falsch scheint.

Und nur wenn wir sagen können “Ja, ich bin erfolgreich”, dann sagen wir auch “Ja, ich bin zufrieden”, denn erfolgreich zu sein in dem was wir tun, ist ein großer Faktor für Zufriedenheit.

Am Ende unserer Zwanziger ist es nicht wichtig, von anderen belächelt oder bewundert zu werden. Es ist nur wichtig, dass wir mit uns im Reinen sind und sagen können:

»Ja, ich habe meine Zwanziger nach meinen Maßstäben erfolgreich und glücklich gelebt!«

 

Wie die Generation Y Erfolg neu definiert

Wenn ich heute über Erfolg nachdenke, dann merke ich, dass sich meine Definition von Erfolg geändert hat. Ich denke heute nicht mehr daran, (materiell) reich zu werden, jedes Jahr die Karriereleiter hochzuklettern und besser zu sein, als der Rest.

Natürlich wären viel Geld, eine tolle Karriere und Ansehen schön. Aber sie sind nicht zwingend notwendig und entscheidend, damit ich mich als erfolgreich bezeichne.

Erfolgreich zu sein bedeutet für mich heute, jeden Tag  zu lernen und meinen Träumen einen Schritt näher zu kommen. Erfolgreich zu sein bedeutet für mich, einen Job zu machen, der mir ein vernünftiges Einkommen bringt, mich begeistert und mich herausfordert. Erfolg bedeutet für mich, anderen zu helfen ihre Träume zu erreichen. Es bedeutet Zeit zu haben, diese wundervolle Welt zu entdecken und intensive Beziehungen zu leben.

Erfolg bedeutet für mich, jeden Tag bewusst zu leben, dankbar und glücklich zu sein.

Ich messe ihn heute an der Anzahl der Menschen, denen ich geholfen und die ich bewegt habe und nicht an der Anzahl der Dinge, die ich besitze oder der Macht, die ich ausstrahle.

  • Macht mich das zu einem schlechteren Menschen?
  • Macht mich das zu einem weniger ehrgeizigen Menschen?

Ich glaube nicht. Es bedeutet bloß, dass ich eine andere Definition von Erfolg habe als früher.

Ich denke, dass mir viele zustimmen, wenn ich behaupte, dass unsere Generation den Begriff Erfolg anders definiert als unsere Eltern.

Wir wollen auch erfolgreich sein, ohne Frage, aber auf eine andere Art und Weise. Geld und Sicherheit sind wichtig, aber nicht mehr alles entscheidend für uns. Wir wollen nicht irgendeine Stechkarten-Nummer sein, die jeden Morgen aufsteht, um am Ende des Monats den Gehaltsscheck abzuholen. Wir wollen sinnvolle Dinge tun, die uns wahrhaft glücklich machen.

Wir wollen den Unterschied sehen, den wir mit unserer Arbeit machen. Wir suchen mehr nach Sinn und dem großen Warum. Und wir suchen nach Wegen, Arbeitszeit und Freizeit zusammen zu bringen.

  • Deshalb wünschen wir uns flexiblere Arbeitszeiten.
  • Deshalb reden wir von Work-Life-Balance.
  • Deshalb ist nicht unbedingt ein sicherer, gut bezahlter Job das, was wir wollen
  • Deshalb differenzieren wir in unseren Vorstellungen von Erfolg und Leben mehr als die Generationen vor uns.

Weil wir mehr vom Leben erwarten als die Generation vor uns.

Weil wir Sicherheit, Sinn, Veränderung, Familie, Abenteuer und Selbstverwirklichung gleichzeitig wollen.

Ist das zu viel an Wünschen und Erwartungen?  – Kann sein.

Sollten wir es trotzdem anstreben? – Ich denke schon. Denn Erfolg ist viel mehr als Geld, Status und Sicherheit.

Oder?

 

Wie definierst du Erfolg?

 

Schreibe einen Kommentar und lass es mich und die ganze Community wissen.

PS: Falls dir der Post geholfen hat, dann teile ihn doch mit deinen Freunden und allen twentysomethings, die ihre Zwanziger richtig leben wollen.

 


Das solltest du als nächstes lesen!

Pascal Keller

Pascal ist Gründer und Autor des twentysomething 1x1. Er hat zwar nicht alle Antworten auf das Leben als twentysomething, aber er versucht sie zu finden und damit anderen jungen Menschen zu helfen ihre Zwanziger zur besten Zeit ihres Lebens zu machen.

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  • Dany

    Sehr interessanter Artikel, Pascal. Und es gefällt mir, dass Du Dich von der “cash flow” – Definition von Erfolg fortbewegt hast in eine, meiner Meinung nach, glücklicher machende Definition davon. Mach weiter so 🙂

    • Pascal

      Hey Dany 🙂 Danke für die netten Worte 🙂 Wie ist denn deine Definition von Erfolg. Liebe Grüße, Pascal

  • Christopher Batke

    Hey Pascal, ich muss gestehen:
    Es ist beeindruckend, dass du diese Erkenntnisse so früh für dich klar herausfiltern konntest. Ich bin jetzt 29 und nur noch wenige Monate ein “twentysomething”, ich bin quasi euer Community-Opa =). Und bei mir hat es erst viele Jahre später klick gemacht. Ich bin zu den gleichen Erkenntnissen gekommen wie du. Daraus ziehe ich drei Schlüsse:

    1.) Es ist nie zu spät! Aufwachen lohnt sich immer 🙂 Auch mit Ende 20 kann die 20er noch zu DER Zeit seines Lebens machen, aber

    2.) Je länger du wartest wirklich deinen eigenen inneren Kompass (wieder-) zu entdecken und auf diesen zu hören (diesen als Erfolgsmaßstab zu wählen), desto schwieriger ist der Weg zurück. Mein großes Umbruch Jahr war 2013, also ich gerade 27 geworden war. Ich ahnte auch bereits schon während des dualen Studiums, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber ich habe mich viel zu sehr von den Erwartungen anderer abhängig gemacht. Und mit jedem Jahr habe ich mich ein paar Schritte weiter weg von meiner tiefsten Wahrhaftigkeit entfernt. Gerald Hüther nennt das in der Neurobiologie “Inkohärenz” (Buchtipp: “Etwas mehr Hirn, bitte!”; Ein Buch über den Weg hin zur echten Potenzialentfaltung unserer Gesellschaft). Aber so schwer es auch war, es hat sich gelohnt und ich habe meine ganz eigenen Lektionen dadurch gelernt.

    Zu guter Letzt: 3.) Um herauszufinden wofür du wirklich brennst, was dir wirklich wichtig ist, was du wirklich gut kannst, was dich wirklich glücklich macht …dafür hat mir eines am besten geholfen: ACHTSAMKEIT! Es war für mich eine Schlüsselqualifikation, die mir erst die Türen in diese neuen Dimensionen ermöglicht hat.

    Ich freue mich für dich Pascal, dass du so früh erkannt hast, wo dein eigentlicher Weg hinführt. Ich freue mich von Herzen. Und ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen erheben, die Augen aufmachen und bei der Reise des Lebens auf ihren inneren Kompass hören, anstatt auf die Erwartungen “der Anderen”. Ich spüre, dass du deiner Community wirklich helfen willst. Deswegen werden wir auch weiter connecten und ich steuere gerne alles bei, was helfen könnte. Let’s do it!

    • Pascal

      Hey Chris, vielen,vielen lieben Dank für deine tollen Worte! Sie sind mir wirklich ans Herz gegangen!

      Ich kann deinen drei Punkten nur zustimmen. Vor allem dein letzter Punkt ist – wie ich finde- ein ganz entscheidender: Auf sich und seine eigene kleine Stimme zu hören und achtsam zu werden für seine Interessen, Vorlieben und Gedanken ist einer der schwersten, aber auch wichtigsten Schritte, um sein Leben glücklich und erfolgreich zu führen.

      Ich freue mich, dass du bei dem ganzen Projekt dabei bist und mich unterstützt. Ich kann dich als Community-Opa sicherlich noch oft gebrauchen.

      Nochmal: Danke für deine Offenheit und bis bald,

      Pascal

  • Fourtysomethings

    Deutlich länger gebraucht – ich bin erst nach der 4 auf die Idee gekommen, den Blickwinkel nochmal deutlich zu verändern. Ein sehr befreiendes Gefühl, allerdings trifft man in meiner Altersklasse noch deutlich weniger Gleichgesinnte.
    Und es ist auch schwierig standhaft zu bleiben, da man immer wieder ins Wanken gerät, als ziemlich absurd erscheint, oft gegen Windmühlen kämpft. Kurz, es gibt auch einige (evtl. nicht dramatisch viele) deutlich “Nicht mehr in den Zwanzigern”, die die Generation Y – Erfolgsdefinitionen teilen.

    • Pascal

      Danke für den Kommentar, lieber Fourtysomething.

      Wieso meinst du schaffen es viele nicht standhaft zu bleiben bei dieser Definition von Erfolg? Weil sie von der Gesellschaft bzw. Kollegen oder Freunden unter Druck gesetzt werden? Weil sie sich nicht trauen?

    • Wenn ich rechts und links von mir schaue, dann sind es vor allem die Ü30 Jährigen, die den wirklichen Generation Y Lifestyle leben. Die Twentysomething ist (zumindest in meinem Umfeld) deutlich weniger vertreten. 95% der Freunde und Verwandten aus meiner Altersklasse folgen immer noch der “klassischen” Definition von Erfolg.

      Ist es bei euch auch so?