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Auf einmal ist es soweit.

Die Moderation Frau Franz beendet ihre Anmoderation mit dem Satz: “Ich begrüße jetzt Pascal Keller, der den weiten Weg aus Berlin gemacht hat, um hier nach Mülheim zu kommen.”

Ich laufe vorsichtigen Schrittes in die Mitte des Saales. Meine Knie schlottern und ich spüre wie sich der Angstschweiß den Weg meinen Rücken hinunterbahnt. Ich habe ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als ich die ersten Worte sage. Meine Stimme zittert und meine Hände auch. 

Doch plötzlich – nach etwas 2 Minuten – merke ich, wie Energie meinen ganzen Körper nur so durchflutet. Endorphine machen sich breit. Mein Herz rast in doppelter Geschwindigkeit. Bam.Bam.Bam. Ich laufe hin und her, gestikuliere und stelle Fragen. Ich merke, wie ich die komplette Aufmerksamkeit habe, wie alle Augenpaare auf mich gerichtet sind – manche verwundert, manche lächelnd, manche noch ein wenig skeptisch. ‘Wow’, denke ich.

Ich sage die Worte, die ich am Tag zuvor 100 Mal geprobt habe. Manchmal vergesse ich einen wichtigen Punkt, aber das ist völlig okay. Ich habe gar nicht den Anspruch, es perfekt zu machen – ich will den Menschen, die mir ihre Zeit schenken, etwas mitgeben. Und das kann ich vor allem dann, wenn ich selbst Spaß dabei habe. Also versuche ich Spaß zu haben. Und ja, sogar als ich über meine tiefsten persönlichen Rückschläge rede, bekomme ich das Grinsen nicht aus dem Gesicht.

‘Ist das geil!’, denke ich und kann es kaum glauben, was da gerade passiert.

 

Ein Traum wird wahr

Talent Talk 05_10_17 HRW (16)Am 5. Oktober habe ich mir einen Traum erfüllt. Ich durfte im Rahmen des 8. Talent-Talks an der Hochschule Ruhr West einen 45-minütigen Impulsvortrag geben. Über persönliche Rückschläge, meinen Werdegang und meine Learnings in den letzten 3 Jahren. Ca. 50 Leute waren da (hat man mir gesagt), inklusive Vertreter von mehreren Hochschulen.

Ich durfte gegen 17 Uhr ran. Ab vor die Menge. Mikro an. Los geht´s.

Vor knapp drei Jahren habe ich mich hingesetzt und mir lange überlegt, wie es mit mir weiter gehen soll.  Ich habe mich gefragt, wo ich mich in 5 Jahren sehe. Wo ich in 10 Jahren stehen möchte. Ja, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen möchte.

Ich steckte damals tief drin in meiner “Quarter Life Crisis” und war voller Zweifel, Unsicherheiten und Ängste – aber auch voller Träume. Ich weiß noch, wie ich damals an meinen Schreibtisch saß und begann mir ein Vision-Board zu zeichnen.

Das ist, was ich mir damals am 17.09.2014 unter mein Vision-Board schrieb:

Mein großer beruflicher Traum war es mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten. Ich wollte sie inspirieren und motivieren, ihren eigenen Weg zu gehen. ‘Ja, das will ich machen’, dachte ich damals und das aufgeregte Kribbeln in meinem Bauch verriet mir, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Ich wollte Vorträge halten. Fette Vorträge. So richtig fette Vorträge. Solche, bei denen Menschen ausrasten. Vorträge, bei denen ich vor Energie und Leidenschaft sprühe. Vorträge, bei denen Menschen eine Gänsehaut und leuchtende Augen bekommen. Vorträge, die Menschen begeistern und nachhaltig verändern.

Vorträge, die die Welt verändern (und wenn es nur ein klitzekleines bisschen).

Damals, als ich an meinem Schreibtisch saß, dachte ich, dass das alles nur ein großer Traum sei. Ein Traum, den ich vermutlich nie erreichen würde…

Heute – knapp 3 Jahre und viel Arbeit später – weiß ich: “Fuck, es ist möglich!”

Ich kann meine Träume leben.

 

Was brauche ich, um meine Träume zu leben?

In den Wochen vor dem Vortrag war ich aufgeregt. Ich schlief schlecht. Ich hatte Angst, dass ich den Menschen keinen Mehrwert bieten könnte. Ich schob den Vortrag vor mir her. Ein paar Tage vorher musste ich ran.

‘Oh yeah’, dachte ich. ‘Die Angst’. Die Angst war wieder da.

Angst ist mein kleiner Freund geworden in den letzten Monaten und Jahren.

Ich habe ständig Angst. Ich zweifle immer und immer wieder. Ich zweifle an meinem Traum. Ich zweifle daran, je aus meinem WG-Zimmer ausziehen zu können und mir etwas Größeres zu leisten. Ich zweifle daran, mehr zu verdienen als jetzt und gut von dem leben zu können, was ich machen möchte.

Angst und Zweifel sind allgegenwärtig. Immer und immer wieder. Das nervt. Aber es zu verdrängen, macht es nicht besser.

Wir alle kennen das ominöse “Life begins at the end of your comfortzone.” Lange hielt ich den Spruch für ausgeluscht. Mittlerweile glaube ich dran. Es muss ein bisschen weh tun. Es muss ein bisschen Angst machen.

Denn die Wahrheit ist: Es gibt keinen großen Traum ohne große Angst. Nur wenn wir uns trauen, unserer Angst zu begegnen anstatt vor ihr zu flüchten, können wir große Dinge erreichen. Mut ist die beste Medizin gegen Angst.

Ja, ich weiß – das klingt einfacher als es ist. Aber es die nackte Wahrheit.

In meinen Workshops fragen mich Teilnehmer oft, was denn die eine Sache in unseren Zwanzigern sei, die uns wirklich Glück und Zufriedenheit bringe. Wenn ich auf meine letzten 3 Jahre zurückblicke, dann liegt die Antwort auf der Hand: Mut.

Es ist nicht Intelligenz, Ausdauer oder Disziplin. Es ist Mut. Egal, ob in der Liebe, dem Beruf oder der Freundschaft: Wenn wir mutig leben, dann leben wir authentisch und genau das macht uns letztendlich glücklich.

„Courage“, das englische Wort für Mut, ist auf  das Wort cor, lateinisch für Herz, zurückzuführen. In eine seiner frühesten Formen bedeutete courage nach Brené Brown: „To speak one’s mind by telling all one’s heart.“ Und auch auf Deutsch findet man eine solche Verbindung. Schlägt man z.B  „beherzt“ im Duden nach, so wird es mit „mutig sein“ definiert.  Mut ist, nach der Wahrheit in unserem Herzen zu leben, unsere eigenen Wünsche und Gefühle als echt anzuerkennen und das ungeachtet der Ungewissheit, die uns begegnet. Unabhängig davon was andere von uns denken, wollen oder erwarten und frei davon, ob der Weg zum Ziel einfach oder schwer ist, ob wir das Ergebnis bekommen, was wir uns wünschen oder nicht.

Wer tut, was er für richtig hält, für den ist es egal, welche Hindernisse auf dem Weg liegen, weil jedes Hindernis eine Chance ist zu wachsen und neue Dinge zu entdecken.

Mut ist die beste Medizin gegen Angst

Viele junge Menschen, die ich in den letzten 3 Jahren kennen lernen durfte, sagen regelmäßig zu mir: „Ich würde auch gerne so etwas machen wie du.“ 

Ich schaue sie dann mit einem Lächeln an und frage: “Und warum machst du es nicht einfach?”

Die häufigste Antwort auf diese Frage ist dann diese: “Ich fühle mich irgendwie noch nicht bereit dazu…”

Weißt du, was sich hinter diesem “Ich fühle mich noch nicht bereit dazu” versteckt?

Genau, richtig geraten: Angst.

Es ist die Angst, ausgelacht zu werden. Die Angst, sich selbst zu vertrauen. Die Angst, zu scheitern.

Die Angst zu scheitern, ist ein sehr reales Problem, besonders für ambitionierte, junge Menschen. Wir sind talentiert, uns wurde von Kindesbeinen an gesagt, wie besonders wir sind, und jetzt sollen wir es “beweisen”, indem wir unsere Ziele erreichen. Ups…

Plötzlich klingt es nicht allzu schlecht, wenn die ängstliche Stimme in uns sagt: „Ach, dein Traum kann auch noch ein paar Tage warten…“

Eine Kollegin mit Vorliebe für Literatur sagte neulich so passend dazu: „Solange ich mein Buch noch nicht geschrieben habe, besteht immer noch die Möglichkeit, es zu schreiben.“ 

Das große (oder kleine), von dem wir uns seit Jahren erzählen, es angehen zu wollen, wird auf diese Weise zur Schatztruhe. Verschlossen ist sie eine Sehnsucht. Stemmen wir die Schatztruhe jedoch auf, wird der Traum zur Realität – vielleicht zu einer bitteren. Und dann hätten wir am Ende ja nicht einmal mehr die Sehnsucht…

Nun stellt sich die entscheidende Frage: Wann ist man bereit dazu, seine Träume anzugehen?

Die Antwort: Nie und immer. Wir werden nie zu 100% vorbereitet sein und doch sind wir immer vorbereitet genug, um  zu starten. Was wir dazu brauchen ist Mut und vor allem das Vertrauen in uns selbst, das wir bereits mehr können, als wir heute glauben zu können.

Die gute Nachricht ist: Mut ist keine Gabe. Mut ist vielmehr eine Entscheidung. Es ist die Entscheidung trotz  der Angst zu handeln. Deshalb ist hier mein Appell an dich:

Frag dich nicht, was richtig ist, sondern frag dich, was du fühlst. Hör auf wochenlang darüber nachzudenken, ob du kannst, sondern frag doch, ob du willst. Und wenn ja, dann: Zieh die Konsequenzen aus deinen Gedanken, begib dich vom Denken ins einfache Handeln.

Die eine Sache, die den Unterschied macht

Natürlich bin ich verdammt nervös. Ich habe einen trockenen Mund und meine Hände schwitzen, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Aber irgendwie gehört das dazu, denn es zeigt mir, dass ich gerade wachse. Ich habe richtig Bock auf den Vortrag. Die jungen Menschen, die hier sitzen, liegen mir am Herzen. Irgendwann denke ich einfach: “Fuck it, ich geh jetzt All-in.”

Ich merke, wie ich in den Flow komme. Ich lasse die Leute aufzeigen. Und die machen das mit. Wow.

“Geiler Scheiß”, denke ich.

Und mache einfach weiter. Und habe wirklich Spaß dabei.

Einige schauen immer noch etwas skeptisch. Aber viele lächeln und strahlen.

“Weiter machen. Einfach weiter machen”, sage ich mir und ziehe mein Ding bis zum Ende durch. Mittlerweile bin ich von meinem Konzept abgekommen. Eigentlich rede ich einfach über das, was mich tief im Inneren bewegt.

Meine Erfahrung aus den letzten Monaten sagt mir, dass wir Menschen vor allem dann berühren und begeistern können, wenn wir ganz wir selbst sind. Wenn wir authentisch sind und unserer inneren Stimme Raum geben.

Ich stehe auf der Bühne und spüre den Funken in mir drin. Die Zeit vergeht wie im Flug und ich merke es nicht. Ich bin im Flow. Ich bin leidenschaftlich und brenne für das was ich tue. Ich brenne dafür einen Unterschied zu machen.

Ich möchte junge Erwachsene dazu ermutigen, ihre Talente zu entdecken und ihren eigenen Weg zu gehen.

Was es dazu braucht? Eine große Portion Mut.

Genau das ist die Sache, die den Unterschied macht.

Ende. Applaus. Ein geiles Gefühl von Erfüllung und auch ein klein wenig Stolz.

Ich realisiere: Träume sind da, um gelebt zu werden.

 


Wann hast du das letzte Mal etwas Mutiges gemacht?

Schreibe einen Kommentar und lass es mich und die Community wissen.

PS: Dieser Artikel ist ein Auszug aus meinem ersten Buch “Fast Erwachsen: Über die Suche nach Liebe, Sinn und einem verdammten Job” das ab dem 06.11.2017 offiziell erhältlich ist.

 

Foto Credit: ©Initiativkreis Ruhr GmbH und ©Lisa Bölling