Studiumsabbruch /www.pascalkeller.com

,,Je höher das n, desto höher ist auch die Testpower.’’, sagte mein Professor und schreitet langsam durch den Hörsaal. Er fummelt dabei an seinem Jackett herum und weist mit seinem roten Laserpointer auf verschiedene Grafiken.

Ich nehme seine Worte nur mit halben Ohr wahr, während ich auf mein Handy starre und mich durch meine Apps klicke, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken kann. Ich habe mal wieder aufgegeben – obwohl ich mir vorgenommen hatte, wenigstens diesmal zuzuhören.

Ich meine wirklich zuzuhören und nicht nur alle 10 Minuten mal einen Blick auf die Leinwand und den Professor vor mir zu werfen.

Die Formeln vermischen sich in meinem Kopf wie chinesische Schriftzeichen, die ich nicht entziffern kann.

 

Ich fühle mich wie im falschen Film…

Dabei habe ich mir diesen Film selbst ausgesucht. Voller Vorfreude und Motivation hatte ich letztes Jahr mein Psychologiestudium angefangen.  Und jetzt?

Jetzt stecke ich in diesem Chaos aus Vorlesungen, Statistik- Übungsblättern und übermotivierten Kommilitoninnen fest – irgendwie mittendrin und doch nicht dabei.

Zuhause sitze ich vor den Statistik-Aufgaben. Ich suche nach einer Lösung des Problems auf dem Blatt, wobei ich längst nicht mehr weiß, ob die Probleme auf dem Papier nicht schon längst zu meinem eigenen Problem geworden sind. All die Experimente und Studien in meinem Studium interessieren mich nicht.

Ich erinnere mich zurück an die Schulzeit und denke an mein altes Ich. Die Lisa, die für Klausuren fleißig gelernt hat, ihren Interessen mit Leidenschaft nachgegangen ist und immer ihr Bestes gegeben hat. Traurig stelle ich fest, dass von ihr nichts übrig geblieben ist. Mein Studium langweilt mich. Mein Leben langweilt mich. Mir fehlen Motivation, Ehrgeiz und Leidenschaft. Mir fehlt eigentlich alles…

,, Jetzt reiß dich mal zusammen, Lisa!’’, denke ich, , Das ist nun einmal im Studium einfach so! Du musst dich nur ein bisschen mehr reinhängen!  Aufgeben kommt nicht in Frage!’’

 

Zwischen dranbleiben und aufgeben

In solchen Momenten ist es, als säßen zwei kleine Männchen auf meinen Schultern. Das eine Männchen will, dass ich das Studium auf jeden Fall durchziehe, komme was wolle. Das andere Männchen ist dabei, meine Motivation zu suchen und versucht mich zu überreden, aufzugeben. ,,Du könntest doch was anderes machen!’’, flüstert es mir zu.

Unsere Zwanziger sind voller Entscheidungen. Wir irren umher und suchen den richtigen Weg. Oftmals müssen wir dabei feststellen, dass wir auf dem Holzweg sind, dass wir an der Kreuzung unseres Lebens einfach falsch abgebogen sind.

Aber wieder zurück gehen? Noch einmal neu anfangen? Kommt ja gar nicht in Frage!

Oder?

»The hardest thing in life to learn is which bridge to cross and which to burn« – David Russell

Ich frage mich, was meine Eltern sagen würde, wenn ich ihnen mitteilen würde, dass ich das Studium abbrechen möchte. Vielleicht würden sie mich “schwach” nennen. “Du machst nie was zu Ende” würden sie vielleicht sagen und dabei diesen kritischen Blick aufsetzen, den sie immer aufsetzten, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich sehe bereits den Blick meiner Oma vor mir, die mir  ein ,,Aufgeben ist falsch!’’ entgegen pfeffert.

Doch ist Aufgaben wirklich immer falsch?

 

Studiumsabbruch – falsch oder richtig?

In letzter Zeit habe ich viel Zeit damit verbracht, über diese Frage nachzudenken. Ich habe mir selbst einen Haufen Vorwürfe gemacht und mit allerlei Methoden probiert, Freude an meinem Studium zu finden. Das Gefühl, versagt zu haben, wurde immer präsenter und ich konnte mir nicht eingestehen, dass ich einfach den falschen Weg gewählt hatte. Irgendwann wurde mir jedoch bewusst, dass Aufgeben nicht in jeder Situation durchweg negativ sein muss.

Aufgeben kann falsch sein. Aufgeben ist falsch, wenn du gerade an deinem Traum arbeitest und für einen Augenblick nicht weiterkommst. Wenn du weißt, was du willst, aber dir der Weg dahin zu schwer erscheint oder wenn du schon fast an deinem Ziel angekommen bist. Dann ist Aufgeben falsch.

Aufgeben kann allerdings auch richtig sein. Nämlich dann, wenn du die Dinge aufgibst, die dich nicht weiterbringen und die dich nicht glücklich machen. Aufgeben kann sogar ein Zeichen der Stärke sein, wenn du lernst, dass du die Dinge loslassen musst, mit denen du deinem Ziel nicht näher kommst.

»Manchmal musst du im richtigen Moment die richtigen Dinge aufgeben, um richtig glücklich zu werden.«

In unseren Zwanzigern müssen wir lernen, dass Aufgeben nicht immer ein Zeichen der Schwäche ist. Es hilft uns dabei, Prioritäten zu setzen, uns voll und ganz auf das zu konzentrieren was wirklich zu uns passt – anstatt etwas nur halbherzig zu tun.   

Wir können nicht auf jeder Hochzeit gleichzeitig tanzen.

Vielleicht musst du das Klavierspielen aufgeben, um dich mehr aufs Studium zu konzentrieren. Vielleicht kannst du nicht mehr jeden Sonntag auf dem Fußballfeld stehen, weil du in deinem Job auch am Wochenende arbeiten musst. Vielleicht musst du schlechtere Noten in Kauf nehmen, weil du nebenbei an deinem eigenen Blog arbeitest. Vielleicht musst du dein Studium abbrechen und einen neuen Weg suchen, der dir besser gefällt.

Wir müssen auf einer Seite aufgeben, um auf der anderen Seite zu gewinnen.

Manchmal müssen wir uns eingestehen, dass wir einen Fehler begangen und eine falsche Entscheidung getroffen haben. Wir verändern uns. Dinge und Wege, die vor einem Jahr noch schön und richtig erschienen, können sich später als trist und langweilig erweisen.  Wir müssen dies nur erkennen, diese Erkenntnis zulassen und dann handeln.

Die Leitfragen sind immer diese:

Bist du glücklich mit dem, was du tust?

Findest du Begeisterung bei den Dingen, die du tust und dir ausgesucht hast?

Nein?

Möchtest du an deiner Situation etwas ändern?

Ja?

Dann geb auf und starte einen Neuanfang!

Ich weiß, aufgeben ist hart. Keiner von uns will die Dinge loslassen, in die er Zeit und Energie investiert hat.

Als ich beispielsweise vor einigen Tagen nochmal auf den Zettel mit meinen Noten schaute, wurde mir mulmig zu Mute. Ich hatte mich schon durch eine Statistik- Klausur gekämpft und nicht einmal schlecht abgeschnitten. Ich hatte in Seminaren über Sozialpsychologie gelernt und an zahlreichen Experimenten teilgenommen. Und das war nun alles umsonst?

Ganz verzweifelt von dem Gefühl, ein ganzes Jahr verschwendet zu haben, rief ich meine Mutter an. Sie war nicht begeistert von meinem Entschluss, doch mit ihren Worten beruhigte sie mich. Sie sagte:

,,Nichts ist umsonst. Man nimmt immer etwas mit. Vielleicht bist du deinem Ziel nicht direkt näher gekommen, doch dafür hast du etwas Wichtiges über dich selbst herausgefunden. Du weißt nun, dass Psychologie nicht das Richtige für dich ist. Du hast dich getraut, etwas zu versuchen und solltest dich nicht schlecht fühlen, weil du auf dem falschen Weg gelandet bist. Besser du merkst es jetzt, als dass du in 10 Jahren anfängst zu arbeiten und merkst: Oh, ich hätte damals doch einen anderen Weg gehen sollen.’’

Es ist nie zu spät, einen anderen Weg einzuschlagen, doch es ist leichter und besser es jetzt zu tun als später. Hoffe nicht, dass du am richtigen Ziel ankommst, wenn du auf dem falschen Weg dahin bist.

 

Warum Aufgeben so schwer für uns ist

Warum geben viele von uns trotzdem nicht auf, obwohl sie unzufrieden sind und eigentlich wissen, dass sie in eine Sackgasse laufen?

Diese Frage habe ich mir gestellt und vier Gründe gefunden:

 

1.Wir rechtfertigen unsere Meinung und unsere Entscheidungen.

Wir tun dies automatisch, um unser Selbstwertgefühl zu schützen und keine Dissonanz zu erzeugen. Dissonanz wird das unangenehme Gefühl genannt, was wir dann haben, wenn unsere Gefühle, Gedanken und Handlungen nicht in Einklang miteinander sind.  Studierst du also ein Fach, was dir eigentlich gar nicht gefällt, empfindest du Dissonanz. Um dieses Gefühl zu vermeiden, probieren wir (oft unbewusst) unsere Handlungen und Gedanken wieder in Einklang zu bringen. Dazu reden wir uns z.B. ein, dass uns unser Studienfach ganz doll interessiert, obwohl es nicht so ist. Wir suchen Vorteile und rechtfertigen so unsere Entscheidungen. Anstelle unsere Handlungen unseren Gedanken anzupassen, passen wir unsere Gedanken den Handlungen an, da dies einfacher und nicht so aufwendig ist.

Was du tun kannst: Denk darüber nach, was dir wirklich gefällt und höre auf dein Bauchgefühl. Sei ehrlich zu dir selbst und habe den Mut, auch deine Entscheidungen zu revidieren.

 

2.Wir sind zu stolz

Oftmals fällt es uns sehr schwer, einen Fehler einzugestehen. Wir sind einfach zu stolz dazu.

Innerlich wissen wir,  dass wir nicht auf dem richtigen Weg sind, aber wir versuchen einen guten Anschein zu wahren. Wir haben Angst, dass unsere Mitmenschen uns als schwach und fehlerhaft wahrnehmen.

Was du tun kannst: Werde dir bewusst, dass es um dich geht und niemand anderen.  Du musst mit den Konsequenzen deiner Entscheidungen leben. Stelle dir vor, niemand würde dich verurteilen und überlege dann, was du wirklich willst.

Denk dran: Don’t base your  decisions off of the advice of people who don’t have to live with the results.

 

3.Wir suchen die Schuld bei anderen

Immer wieder kommt es vor, dass wir lieber den Umständen die Schuld zuschreiben, als uns eingestehen, dass uns etwas einfach nicht gefällt. Dann sagen wir, wir hätten uns einfach noch nicht an das Studieren gewöhnt, der Professor würde das Thema einfach blöd vortragen oder im nächsten Semester werde es schon besser werden. Wir suchen Ausreden und Gründe, die nichts mit uns selbst zu tun haben. Damit schieben wir die Verantwortung von uns weg.

Was du tun kannst: Es ist kein Weltuntergang, den falschen Weg gewählt zu haben. Werde dir bewusst, dass du selbst  die Verantwortung für dein eigenes Glück trägst und dazu manchmal etwas verändern musst.

 

4.Wir haben Angst

Dieser Punkt hindert mich selbst wahrscheinlich am meisten daran, mein Studium aufzugeben: Ich habe Angst, denselben Fehler noch einmal zu machen.

Wer garantiert mir, dass ich diesmal die richtige Wahl treffe?  Was, wenn mir das neue Fach noch weniger gefällt?

Mein Vater würde nun sagen: ,,Hätte, Wenn und Aber, aller blöd Gelaber.’’ Und mit diesem simplen Spruch hätte er recht, denn: Wir wissen es nicht. Es kann immer etwas Schlechtes passieren. Manchmal werden unsere Hoffnungen und Erwartungen nicht gefüllt. Allerdings sollte das uns nicht daran hindern, neu anzufangen und mutig zu sein.

Was du tun kannst:  Lass dich von deiner Angst nicht eingrenzen. Eine Veränderung ist keine Garantie für Besserung, doch sie ist auf jeden Fall besser, als nichts zu tun und unzufrieden zu bleiben. Meistens lohnt es sich, mutig zu sein!

 

Was am Ende wirklich wichtig ist

Letztendlich ist es nie leicht aufzugeben.  An manchen Tagen erscheint es mir einfacher, dieses Studium durchzuziehen und meine Zweifel einfach zur Seite zu schieben.  Bequem dieses Leben weiterzuleben und nicht durch das Chaos eines Studiengangwechsels zu müssen. Doch dann gibt es Tage, an denen ich von der Uni nachhause komme und ich spüre, wie wieder einmal die Enttäuschung über mich hineinbricht. Die Enttäuschung darüber, dass ich nicht das tue, was mir wirklich Spaß bringt.

Was am Ende wirklich wichtig ist, ist dass du dir bewusst wirst, dass Aufgeben nicht “schwach” ist. Was wirklich schwach ist, ist das sture Festhalten an Dingen und Wegen, die dich einfach nicht weiterbringen und dich unglücklich machen. Sei mutig und probiere einen neuen Weg aus!

Ob du im richtigen Film landen wirst, das kann dir keiner sagen, aber wer den Kinosaal nicht wechselt, wird nie wissen, ob der andere Film vielleicht nicht doch besser gewesen wäre.

 

Hast du Angst davor etwas aufzugeben?

Trau dich, und schreibe einen Kommentar über deine Erfahrungen.

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Lisa Carstensen

Lisa ist offizielle Co-Autorin des twentysomething 1×1.
Sie schreibt gerne über ihre Lieblingsthemen Reisen, Studium und Beziehungen. Ist sie nicht gerade mit ihrem Psychologiestudium beschäftigt, findet man Lisa wahrscheinlich an der Nordsee oder am anderen Ende der Welt.
  • rica

    Hey Lisa,

    ich finde den Text super- genau meine Gedankenwiderspiegelung. Es tut so gut, dass jemand genauso fühlt. Vielen lieben Dank dafür <3

    Bist du nun ein anderes Studium angefangen? Denkst du persönlich, dass man auf dem Weg zum Ziel auch Dinge tun muss, die man nicht mag (z.B. lästige Jobs).