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Vor drei Wochen rief mich mein Kumpel Chris an. Er war entsetzt.

– „Digger, du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist!“, sagte er mit aufgeregter Stimme.
– „Nein, was denn?“, fragte ich erschrocken zurück.
– „Ich habe Tinder durchgespielt!“
– „Was? Tinder durchspielen? Wie soll das denn gehen?“
– „Ohne Scheiß! Ich hab eben geswiped und es sind drei Frauen gekommen, die ich schon einmal gedatet habe. Ich glaube, das Ganze fängt wieder von vorne an! Was soll ich denn jetzt tun?“

Ich holte kurz Luft. Dann fing ich laut an zu lachen. So etwas hatte ich noch nie gehört. „Vielleicht ist das ja ein Zeichen von ganz oben. Vielleicht solltest du mal länger bei einer bleiben. Oder vielleicht solltest du einfach mit Tinder aufhören“, sagte ich dann und konnte meinen Sarkasmus nicht verstecken.
-„Damit ich so ein Spießer werde?! Ne, lass mal stecken, Digger! Es gibt ja noch Lovoo. Mal schauen, was da so geht!“, erwiderte Chris, der das Ganze offensichtlich nicht so lustig fand.
-„Aber wenn du bei Tinder schon alle Frauen getroffen hast, die mit dir gematched haben, glaubst du dann nicht, dass es genug ist?“, fragte ich mit energischem Unterton.
-„Meine Güte, Pascal, es ist doch nur Sex, warum regst du dich so auf?“, erwiderte Chris flapsig.

Ich schwieg für einen Moment und malte mir aus, wie mich Chris in wenigen Wochen anrufen würde, mit der Nachricht, dass er Lovoo durchgespielt habe. Es war ein beunruhigendes Szenario, das aber durchaus realistische Chancen besaß.

– „Letzte Woche hatte ich fast die perfekte Woche“, riss mich Chris‘ Stimme aus meinen Gedanken
-„Was hattest du?“, fragte ich entgeistert.
-„Na, ich hatte sieben verschiedene Frauen innerhalb von sieben Tagen. Mit allen hatte ich Sex. Nur die letzte hat in letzter Sekunde einen Rückzieher gemacht. Ziemlich lame, das wäre legendär gewesen!“
-“Mhm“, machte ich und schüttelte ungläubig den Kopf.

Chris erinnerte mich in diesem Moment an Barney, den Frauenhelden aus How I met your mother. Doch was noch schlimmer war: Chris erinnerte mich in diesem Moment an mich; genauer gesagt an den Pascal, der ich noch vor drei Jahren war.

 

3 Jahre Freiheit, Abenteuer und Sex

Zu Beginn meiner Zwanziger war ich nämlich derjenige, der nicht viel bei Frauen anbrennen lies. Ich lebte in dem Glauben, dass mich mehr Frauen und mehr Sex glücklicher machen würden. Immer dachte ich, dass nur Langweiler und Spießer in ihren Zwanzigern mit einer einzigen Frau zusammen seien. Klar, ich respektierte die Beziehung meiner Kumpels, die schon fünf, sechs oder gar sieben Jahre mit ihrer Freundin zusammen waren – aber damit anfangen konnte ich nichts. Wenn ich doch jedes zweite Wochenende eine andere Frau haben könnte, warum sollte ich mich dann für eine einzige entscheiden?

Das war meine Denkweise damals.

Und so sammelte ich fleißig Handynummern, verbrachte Nächte in stickigen Clubs und wachte mittags um 13 Uhr in den Armen einer Frau auf, die bald durch eine andere ersetzt wurde, bevor ich richtig darüber nachdenken konnte, was ich eigentlich für sie empfand. Es war eine aufregende und zugleich komische Phase meiner Zwanziger, versehen mit fantastischen, horizont-erweiternden Erfahrungen, vielen oberflächlichen Gesprächen und schlecht gemischten Cocktails.

Heute habe ich diese Phase hinter mir gelassen. Ich bin ich in einer festen Beziehung. Und ich bin glücklich damit. Denn nach über 3 Jahren voller Freiheit, Abenteuer und Sex, habe ich eine große Lektion gelernt:

Freiheit bietet die Möglichkeit für Glück, aber sie macht uns nicht per se glücklich. Der einzige Weg, echtes Glück zu erfahren, liegt in der Ablehnung von Möglichkeiten, der bewussten Begrenzung der Freiheit und dem Commitment zu einer Person.

Denn obwohl uns das Commitment zu einer Person vielleicht die Breite an Erfahrung nimmt, die wir gerne hätten, so nimmt uns das Streben nach immer mehr Breite die Möglichkeit, echte Tiefe in unserem Leben zu spüren.

Diese Erkenntnis kam mir langsam im Verlauf der letzten drei Jahre und verfestigte sich, als ich Aricia kennenlernte.

 

Nicht nur suchen, sondern auch mal finden

Unsere Wege kreuzten sich zu einem Zeitpunkt, an dem ich müde war von dem immer wiederkehrenden Prozess der schnellen Liebe: Ansprechen, Daten, Warten, Sex, Ende. Repeat.

Ich hatte alles gesehen zwischen Tür und Angel und gemerkt, dass ich hier nicht länger hingehöre. Ich sehnte mich nach einem Wandel, wollte nicht nur suchen, sondern endlich auch mal finden.

Und so fand ich sie: Aricia.

Schnell entwickelte sich etwas Besonderes zwischen uns. Man könnte sagen, die Chemie stimmte, obwohl unsere kulturellen Unterschiede das Gemisch manchmal etwas explosiv werden ließen. Nach etwas mehr als zwei Monaten intensiver Dates und leidenschaftlicher Küsse stellte Aricia mir die Frage, die schon so manche meiner Affären auf einen Schlag beendet hatte: „Pascal, was ist das eigentlich zwischen uns?“

„Nun ja“, stammelte ich, um etwas Zeit zu schinden, denn – das war mir klar – meine Antwort konnte unser Verhältnis ineine ganz neue Richtung lenken. „Ich weiß es nicht, Aricia“, sagte ich dann. „Du bist eine tolle Frau, aber ich brauche noch Zeit, um mir klar zu werden, was ich will“, fuhr ich fort und spürte einen dieser unangenehmen Schauer, die ich immer spüre, wenn mir etwas besonders unangenehm ist.

Aricia schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Okay, dann nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich kann verstehen, dass du dir das alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen willst. Sag mir einfach Bescheid, wenn du eine Antwort für dich gefunden hast, ja?“

„Ja“, murmelte ich und spürte, wie mir ganze Steinbrüche der Erleichterung vom Herzen fielen.

Zwei Wochen später lud mich Aricia zum Abendessen bei ihrem Lieblingsitaliener in Deggendorf ein. Während wir uns eine Pizza Speciale teilten, kam einer meiner Arbeitskollegen zufällig an unserem Tisch vorbei. Er sah Aricia und fragte mich: „Ist das deine Freundin, Pascal?“

Mit dieser Frage hatte er mir, ohne es zu wissen, die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich schaute zunächst Aricia an, dann ihn und schließlich antwortete ich: „Nein, wir sind nur gute Freunde.“

Ich kann mich noch gut an den Blick erinnern, den sie mir in jenem Moment zuwarf. Obwohl sie mich anlächelte, konnte ich in ihren Augen ablesen, wie bitter enttäuscht sie von dieser Antwort war.

„Warum fällt es dir so schwer, dich zu committen?“, fragte sie mich, als mein Arbeitskollege gegangen war. Ihr Lächeln war verschwunden und ihre mandelförmigen Augen blickten kummervoll, als sie ihren Teller mit einem großen Stück Pizza zur Seite schob.

„Eh“, murmelte ich und durchkramte im Schnelldurchlauf meinen Kopf nach einem sinnvollen, gut klingenden Satz, derdie Frage in Wohlgefallen auflösen würde. Doch als ich keinen fand, flüchtete ich mich in altbekannte Ausreden: „Weil ich das schon so lange nicht mehr gemacht habe. Ich bin einfach jemand, der Freiheit, Luft zum Atmen und nicht diese Abhängigkeit von einer Frau braucht, die mein Herz in ihren Händen hält und die Macht besitzt, es zu zerbrechen. Ich brauche einfach noch ein bisschen Zeit, um mir sicher zu sein, dass du wirklich die Richtige für mich bist.“

Ihre Miene wurde ernst und sie sah mich mit einem forschenden Blick an, der mir durch Mark und Bein ging. Dann nahm sie meine Hand und sagte etwas, das mich bis heute schwer beeindruckt: „Weißt du Pascal, ich glaube nicht, dass du noch mehr Zeit brauchst. Wenn ich dich jetzt frage: ‚Liebst du mich?‘, dann kennst du die Antwort. Du weißt, was du fühlst. Du hast nur Angst, zu deinen Gefühlen zu stehen. Woher diese Angst kommt, kann ich nicht sagen, aber solange du nicht den Mut hast, ernsthaft zu deinen Gefühlen zu stehen und dich für jemanden zu entscheiden, wirst du nie eine glückliche Beziehung führen können.“

Es war dieses Gespräch, das mir klar machte:

Das Ding mit der Liebe ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Wir machen es nur kompliziert. Im Prinzip ist Liebe ein verbindliches „Ja“ zwischen zwei Menschen, die sich sehr mögen. Das Problem ist nur, dass vor diesem „Ja“ ein kleines Wörtchen mit großer Wirkung steht: Angst. Bei manchen ist es die Angst, nicht gut genug zu sein. Bei anderen die Angst, verletzt zu werden. Bei den meisten jedoch, die Angst, sich festzulegen.

 

Verbindlichkeit? Commitment? Ich? Hahaha…

Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das Unwort unserer Generation nicht etwa Bausparvertrag, sondern Commitment ist. Dieser klitzekleine Begriff schafft es, sämtliche Gefühlszustände in uns auszulösen. Die Vorstellung unsere Wünsche und sexuellen Fantasien auf nur eine Person zu beschränken und damit alle anderen Möglichkeiten an uns vorbeiziehen zu lassen, macht uns Angst. Es ist die Angst vor dem Gefühl, eingeengt zu sein. Dass wir nicht mehr frei sind. Dass wir nicht mehr morgen nach London ziehen können, würden wir es denn wollen.

„Ich will grad nichts Festes“ oder „Ich brauche noch ein bisschen Zeit, um mich zu entscheiden“ gehören deshalb längst zum Standardvokabular unserer Generation. Es könnte ja schließlich noch etwas Besseres vorbeikommen. Auf Tinder, auf der nächsten Party oder an der Käsetheke. Lieber keine Bindung, als im falschen Moment nicht „flexibel“ zu sein. Sex ja, Commitment nein!

So sind wir eben: Locker, flockig und unverbindlich. Rastlos auf der Suche nach der großen Liebe. Und wenn wir sie gefunden haben, rennen wir davon, weil wir dann vielleicht etwas verpassen könnten, das irgendwo noch ist, was wir sonst vermissen, weil es nicht uns gehört.

Auch ich trug dieses Gefühl der Rastlosigkeit in mir, bevor ich Aricia traf. Ich fühlte mich gestresst, war innerlich unruhig. Ich war einer der Menschen, die immer etwas zu tun brauchten. Vielleicht war es die Angst, etwas zu verpassen, die mich antrieb. Vielleicht aber auch der Drang, mein Leben mit Aktivitäten zu füllen, um nicht über meine Zukunft nachdenken zu müssen. Ich weiß es bis heute nicht genau. Was ich aber weiß, ist, dass etwas Erstaunliches passierte, als ich endlich aufhörte nach mehr zu suchen und beschloss, das lieben zu lernen, wovor ich jahrelang weggerannt war: eine ernsthafte Beziehung. Ich begann mich zu öffnen, zeigte Teile von mir, die ich sonst immer versteckt hatte. Ich wurde ehrlich und aufrichtig mit meinen Gefühlen und bekam im Gegenzug, das größte Geschenk des Lebens: echte Liebe.

Echtes Glück liegt in der Tiefe vergraben

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als Aricia mich beim Mittagessen in der Mensa anrief. Sie war fürchterlich erkältet und fragte mich, ob ich ihr etwas aus der Apotheke besorgen könne. Ein Aspirin Complex gegen die Grippe.

„Na klar!“, antwortete ich und fuhr nur wenige Minuten später mit meinem kleinen Klappfahrrad und einer Packung Aspirin Complex zu ihrer Studentenwohnung.

Als sie mir die Tür aufmachte, sah ich sie zum ersten Mal im Schlabberlook. Sie war noch im Pyjama, hatte ihre Haare zu einem vogelnestartigen Gebilde auf dem Kopf aufgetürmt und trug eine graue Jogginghose. Das hätte mich einige Monate zuvor noch erschrocken, doch in diesem Moment war es mir nicht mehr wichtig. Denn ich bewunderte nicht länger ihr Äußeres, sondern die Person hinter der Fassade.

Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann fing sie an zu nießen. Genau in mein Gesicht.

Sie schaute mich an und sagte: „What a horrible day!“

„Oh yes“, entgegnete ich und wir mussten beide lachen. Ihre Augen leuchteten dabei. Und meine auch.

Es war einer dieser kleinen Momente, die mir zeigten, dass ich angekommen war. Und ich glaube, dass es darauf ankommt: Dass wir ankommen. Und vor allem, dass wir bleiben. Denn echtes Glück – das weiß ich heute – liegt nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe vergraben.


Wie gehst du mit Commitment um?

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PS: Dieser Artikel ist ein Auszug aus meinem ersten Buch “Fast Erwachsen: Über die Suche nach Liebe, Sinn und einem verdammten Job” das ab dem 06.11.2017 offiziell erhältlich ist.