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Es gibt hin und wieder Augenblicke in unseren Zwanzigern, in denen man etwas verliert, an das man jahrelang gelaubt hat. Augenblicke, in denen ein Wunsch, ein Traum oder eine Hoffnung zerplatzt und man desillusioniert zurückbleibt. Es ensteht ein Gefühl von Trauer gemischt mit Frust und Schmerz. Ein Gefühl, wie es niemand gerne spürt und das doch jeder kennt. Vor fast genau 5 Jahren erlebte ich es zum letzten Mal.

 

Ein großer Traum

Als Kind und Jugendlicher hatte ich einen Traum, den wohl viele andere Jugendliche auch hatten: Ich wollte Fußballprofi werden.

Fußball war meine große Leidenschaften. Egal, ob auf dem Bolzplatz, dem Pausenhofen oder Zuhause im Garten, ich spielte, wenn immer ich konnte. Ich trainierte fünf Mal die Woche und wenn das Training mal ausfiel, dann übte ich an meiner Passtechnik an der Mauer vor unserem Haus. Man könnte sagen ich war “fußball-verrückt”.

Irgendwann zahlte sich das ganze Training aus. Ich kam in den DFB-Stützpunkt. Dann in die Südwestauswahl, wo die besten 25 Fußballer meines Alters zusammenspielten. Erste Angebote kamen. Kaiserslautern rief an, dann Mainz 05 und Karlsruhe. Ich machte Probetrainings und schnupperte an meinem Traum. Die Tür stand für mich offen…doch ich traute mich nicht durchzugehen. Ich war noch nicht reif genug.

Ich blieb stattdessen bei meinem Heimatverein, mit der Aussicht bald Oberliga (damals 4.Liga) spielen zu können. Das war sehr verlockend für mich, denn ich ich fühlte mich in meinem Verein pudelwohl. Mit 17 Jahren kam dann die erste größere Verletzung. Bald darauf die zweite. Und wenige Monate danach die dritte. 2 Operationen, mehr als 9 Monate Reha und gefühlt 1000 Rückschläge. Ich verbrachte mehr Zeit in den Wartezimmern meiner Ärzte als auf dem Fußballplatz. Es ist das schlimmste Gefühl seine Freunde spielen zu sehen, während man selbst mit Krücken am Spielfeldrand steht und nichts tun kann, außer zu warten.

Mit Wille und Ehrgeiz kämpfte mich zurück und schaffte den Sprung in den Oberliga-Kader. Doch ich merkte schnell: Ich bin nicht mehr der gleiche Fußballer. 1,5 Jahre Pause in diesem Alter sind eine lange Zeit. Während andere sich weiterentwickelten, war ich stillgestanden und zurückgefallen.

Eines Abends nach dem Training nahm mich mein Trainer zur Seite und sagte mir, dass ich nicht das Niveau hätte, um Oberliga zu spielen. „Du tust dir keinen Gefallen, hier weiter mitzutrainieren. Es reicht nicht!“, sagte er nüchtern und ehrlich.

Wenn es einen Moment gibt, der sich anfühlt wie ein ungebremster Schlag in die Fresse –jap, das war einer davon. Ein 15 Jahre lang gehegter Traum war geplatzt wie eine Seifenblase. In einem Augenblick war alles vorbei.

Es dauerte einige Tage, bis ich das verstanden hatte. Und als ich es verstanden hatte, tat es weh. Verdammt weh. Vom DFB-Talent zu „Es reicht nicht!“. Ich war definitiv am Tiefpunkt zweier frustrierenden Jahre angekommen. Und was macht man, wenn man nicht weiß, wohin mit seinem Frust? Genau, man flüchtet. Ich flüchtete mich in Parties, Frauen und Alkohol. Das linderte den Schmerz und lenkte mich ab. Zumindest für eine kurze Zeit.

Nach drei Monaten, traf ich meinen ehemaligen Jugendtrainer, einer meiner größten Förderer und Mentoren, zufällig im Supermarkt. Er fragte mich, was denn nun mein nächstes Ziel sei. Ich sagte ihm, dass ich gerade keines hätte. Ich sagte ihm, dass ich gerade am Tiefpunkt sei.

Da schaute mich mein Trainer an und sagte zu mir ein paar Sätze, die ich bis heute nicht vergessen habe: “Pascal, ich glaube, dass unsere Tiefpunkte oft der Beginn unserer besten Tagen sind. Ein Tiefpunkt ist ein freundlicher Wink des Lebens, der dir sagen will: „Etwas Anderes, etwas Besseres, etwas Größeres wartet auf dich dich!“ Du kannst immer entscheiden, ob dein Tiefpunkt ein Tiefpunkt bleibt oder  zu einem Wendepunkt wird.“

Wow…darüber hatte ich bisher noch nie nachgedacht. Es war das erste Mal, dass ich die andere Seite der Medaille betrachtete. Ich fragte mich: “War das Ende des Traums wirklich ein Tiefpunkt oder vielleicht doch ein Wendepunkt zum Besseren?”

 

Die andere Perspektive

Ein weiser Mann sagte mal: “ Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich eine andere. Die Tragik ist jedoch, dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet.“

Heute – knapp 5 Jahre nach meinem Tiefpunkt – weiß ich, dass dieses Zitat so verdammt viel Wahrheit beinhaltet. Man muss es als eine Metapher sehen: Nicht das Denken in Problemen, sondern das Denken in Möglichkeiten.

Welche Möglichkeiten eröffnen sich durch das Ende? Was kann ich erleben? Was kann ich tun, was ich vorher nicht hätte tun können?

Das sind Fragen, die eine ganz andere Perspektive aufzeigen.

Wenn wir an einem Wegende ankommen, dann eröffnet uns sich die Möglichkeit, in alle Richtungen gehen zu können. Es kommen neue Türen, neue Gesichter, neue Herausforderungen und neue Chancen. Das leere Blatt, die leere Wohnung, das gebrochene Herz. Das erste Date, der erste Auftrag, das erste Wort – wir sind gefordert und wenn wir unser Bestes geben, sind wir besser als vorher und um eine neue Erfahrungen weiser. Wir haben Frust und Schmerz gespürt wie noch nie und dennoch haben wir es überstanden. Das Wachstum als Person, wenn wir einen Tiefschlag überkommen, ist der eigentliche Zauber an der ganzen Sache.

Kannst du dich noch an Samuel Koch erinnern? Der sympathische, sportliche, junge Mann, der nach seinem  Sturz in der ZDF-Show “Wetten, dass..?” im Dezember 2010 vom Hals abwärts gelähmt ist?

Es gibt sicher Menschen, die sich in ähnlichen Situationen depressiv geworden wären, es ist ja auch wirklich eine Extremsituation. Doch Samuel war anders. Durch die öffentliche Person, die er durch den Unfall geworden war, taten sich ihm viele Möglichkeiten auf, die er zuvor nicht kannte: Kontakte und Gespräche mit Prominenten und Sportlern, intensivere Gespräche, als man sie sonst vielleicht führen würde und mehrere Schauspiel-Anfragen.

Jetzt wirst du vielleicht sagen, dass nicht jeder hat die Möglichkeit bekommt, eine national bekannte Persönlichkeit zu werden. Ja, das stimmt. Tatsache ist aber auch: Samuel hat seine neue Situation akzeptiert und die Möglichkeiten, die sich ihm auftaten, genutzt. Heute gilt Samuel als Vorbild für viele Menschen und setzt sich für Behinderte in ganz Deutschland ein.

Und das ist mehr als bemerkenswert – egal, wie es dazu gekommen ist.

 

Unsere Probleme sind versteckte Geschenke

Nach Monaten des Frusts, sah auch ich plötzlich die Türen, die sich mit dem Ende des Fußballtraums für mich öffneten. Ich hatte weniger Trainingseinheiten und dadurch mehr Zeit für Freunde, Familie und andere Dinge, die mir wichtig waren. Ich fing an, häufiger zu lesen und zu schreiben. Ich machte mir Gedanken über meine Zukunft.

Die größte Tür, die sich jedoch öffnete, hieß nicht “Zeit”. Sie hieß “Freiheit“. Ich hatte nicht mehr die Verpflichtung, drei bis vier Mal pro Woche zu trainieren und samstags zu spielen. Ich musste kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich Freitagnachts mal länger ausging oder mich – sagen wir mal – “weniger gesund“ ernährte.

Durch die neugewonnene Freiheit wagte ich es, endlich von Zuhaus aus- und nach Mannheim zu ziehen, wo ich zu dem Zeitpunkt studierte. Dieser Schritt war im Nachgang betrachtet einer der wichtigsten Schritte meiner persönlichen Entwicklung. Ich musste zum ersten Mal in meinem Leben alleine zurechtkommen, neue Freundschaften schließen und über andere Themen reden. Das fiel mir schwer, vor allem zu Beginn. Doch es schuf Raum für Wachstum und Entwicklung. Ich kam auf eine neue Stufe.

Ein Gedicht, das ich während dieser Zeit oft las, war das Gedicht “Stufen“ von Hermann Hesse. In diesem Gedicht schreibt Hesse:

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. […] Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Für mich waren diese Zeilen damals eine große Inspiration. Sie schafften es in Worte zu fassen, was ich fühlte. An dem Tag, als mir mein Trainer sagte, dass es für den Fußball nicht reiche, musste ich Abschied von einem großen Traum nehmen. Ich musste aufbrechen zu neuen Zielen und neuen Träumen. Meine Reise ging weiter und führte mich nach Mannheim. Von dort führte sie mich nach Mexiko, Deggendorf und Brasilien. Und sind wir mal ehrlich: All das hätte ich nie erlebt, wenn ich meinen Fußballtraum nicht losgelassen hätte. Denn dann hätte ich es mir nicht erlauben können, einfach 6 Monate in einem anderen Land zu leben oder überhaupt ein Masterstudium zu machen.

Auf welcher Stufe deiner Zwanziger du auch immer gerade stehst, das Leben wird dich immer wieder vor neue Probleme stellen. Egal, wie weit du schon gekommen bist, Tiefschläge kommen immer wieder. Sie sind ein normaler Teil unserer Zwanziger. Vielleicht hat dich gerade dein Partner verlassen. Vielleicht bist du durch eine wichtige Prüfung gefallen. Vielleicht hast du eine Absage für deinen Traumjob bekommen. Vielleicht hast du eine wichtige Person verloren oder gehst generell durch eine schwere Phase in deinem Leben. Der Punkt ist: Wir werden niemals keine Probleme mehr haben, aber wir können lernen, mit ihnen umzugehen.

“Kommt es anders, als wir’s erbitten, kommt es besser”, sagte Martin Luther einmal. Das Leben ist ins Gelingen verliebt und trotzdem fehlerhaft. Du kannst dir nicht immer aussuchen, was dir widerfährt, aber du kannst immer entscheiden, wie du mit dem umgehst, was dir passiert. Es ist deine Entscheidung. Tiefpunkt oder Wendepunkt? Mit Bedauern auf die geschlossene Tür starren oder mit Mut durch die neue Tür gehen?

Betrachte Probleme nicht als Sorgen, sondern als Geschenke. Sie sind eine freundliche Art des Lebens dir zu sagen, dass andere Dinge auf dich warten. Dinge, die dich herausfordern und die dich wachsen lassen.

Und das ist es doch, nach dem wir alle streben: Wachstum.

Jeden Tag. Zumindest ein bisschen.

 

Hast du auch schon einmal einen Tiefschlag erlebt?

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Pascal Keller

Pascal ist Gründer und Autor des twentysomething 1x1. Er hat zwar nicht alle Antworten auf das Leben als twentysomething, aber er versucht sie zu finden und damit anderen jungen Menschen zu helfen ihre Zwanziger zur besten Zeit ihres Lebens zu machen.

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  • Sophie Sigl

    Erstmal: mega gut geschrieben! Respekt!
    Und: Danke! Das hat mir grad richtig geholfen! ? Man muss die Dinge einfach auch mal aus verschiedenen Perspektiven betrachten, so hab ich das nie gesehn ?
    An seinem Tiefpunkt sieht man schließlich nur in eine Richtung wie in einem Tunnel, man sieht nur noch das schlechte und verpasst alles drumrum … danke für diesen Text! Ich hoffe den werden noch viele Menschen lesen und von ihm profitieren ☺️ Danke!

  • G. Schmidt

    Sehr schön geschrieben und sehr hilfreich 🙂 Vor allem wenn man sowieso mit Depression zu kämpfen hat, sind solche Tiefschläge sehr zehrend.
    Ich habe Anfang diesen Jahres endlich einige Projekte angegangen, die mir schon länger auf der Seele liegen. Dadurch hab ich zwar weniger Geld und muss mehr arbeiten, aber ich möchte dieses Jahr unbedingt nutzen, um persönlich voran zu kommen und daran zu wachsen. Auch wenn es nicht einfach ist, ist es wichtig, um mehr aus seinem Leben zu machen.

    Du hast mich wieder in meinen Entscheidungen bestätigt und inspiriert, nicht aufzugeben 🙂 Danke dir