Pascal Keller_MEIN LEBEN SOLLTE BESSER AUSSEHEN AUF INSTAGRAM_www.pascalkeller.com

Es gibt immer mal wieder Momente, in denen ich mich frage, wie bekloppt diese Welt eigentlich geworden ist. Es sind diese ‚Alter, was geht‘n ab?!‘-Momente, in denen ich mich frage, was mein Opa dazu gesagt hätte. Vor knapp einem Jahr erlebte ich wieder einen solchen Moment, als ich in Rio de Janeiro war und die berühmte Christusstatue besichtigte.

Es war seit meiner Kindheit ein Traum gewesen, sie einmal mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Dementsprechend war ich nervös, als ich mit der weltberühmten Corcovado Bergbahn hoch zum Wahrzeichen Brasiliens fuhr. Als ich oben ankam, stiegen mit mir circa 50 weitere Touristen aus. Mir war klar, dass jeder versuchen würde, ein tolles Foto von sich und der Statue zu machen, schließlich will man einen solchen Tag ja nicht nur in der Erinnerung abspeichern. Aber das, was ich dort oben erlebte, das pulverisierte alles, was ich erwartete hatte.

 

Touristen, Selfie-Stick-Poser und ich

Tausende Menschen aus allen möglichen Ländern der Welt drängten, schubsten und beschimpften sich in allen möglichen Sprachen, um die beste Selfie-Position zu bekommen. Manche legten sich auf den dreckigen Boden, um ja auch den ganzen Christus drauf zu haben und andere grinsten 20 Minuten in ihre Canon Spiegelreflexkamera. Und dann gab es noch die Spezialisten: die Selfie-Stick-Poser, die zwei Meter Platz brauchten, um den ganzen Stick ausfahren zu können.

Wenn ich solche Leute sehe, muss ich oft an meinen 84-jährigen Opa denken, der mal zu mir sagte: »Ich verstehe nicht, warum ihr jungen Leute von jedem Scheiß ein Foto machen müsst. Es reicht doch, wenn man die Erinnerung hat.«

Das ist eine Meinung, der man nur zustimmen kann – eigentlich. Denn was soll ich sagen, als ich da oben vor dem Christus stand, war ich wie sie. Ich holte meinen Selfie-Stick raus und knipste 47 Selfies, die am Ende alle gleich aussahen. Und wofür machte ich das Ganze? Natürlich, um später eines dieser Fotos meinen Freunden unter die Nase reiben zu können.

 

Ich poste, also bin ich

Es ist ja mittlerweile so: Man macht keine Fotos mehr, um sich daran zu erinnern, sondern man macht sie, um anderen zu zeigen, wer man ist. Da postet Tina zum Beispiel ein Foto aus Nepal, wo sie mit dem Rucksack auf dem Rücken umhergewandert ist. Übersetzt heißt das Ganze: Ich bin weltoffen, mutig, cool, ganz gewiss nicht langweilig und spießig. Philipp postet ein Foto mit einem grünen Smoothie und einer Schale Beeren mit Quark. Übersetzt heißt das Ganze: Ich bin gesundheitsbewusst, sportlich und hipp, ganz gewiss kein Couch-Potato.

Durch Instagram, Facebook, Snapchat und Co. können wir mit einem Upload der ganzen Welt zeigen, wie „amazing“ unser Leben ist und welchen „Lifestyle“ wir leben. Heute sind wir in sozialen Netzwerken ständig dabei, Aufmerksamkeit und Anerkennung für uns zu beanspruchen.

»Unser Gehirn giert nach sozialer Anerkennung«, erklärt Joachim Bauer, ein Medizinprofessor aus Freiburg, in einem Artikel der Zeit, in dem er den Drang, jeden nennenswerten Moment des Lebens mit anderen zu teilen, beschreibt. Alles, was wir tun, stehe im Dienste des tiefen Wunsches nach sozialer Anerkennung und Aufmerksamkeit, erklärt der Professor. Soziale Anerkennung sei ein Grundbedürfnis wie das Bedürfnis nach Essen und Trinken – ohne sie könnten wir nicht existieren. Und das scheint die logische Erklärung dafür zu sein, warum soziale Netzwerke so gut funktionieren: Sie sind Ich-Booster.

Wir zeigen dort unseren Körper, den wir uns durch mühsames Gewichtestemmen im McFit erarbeitet haben. Wir machen Snapchat-Stories, von unserem „übertrieben geilen“ Thailand-Urlaub und posten Fotos, die zeigen wie „mega-in love“ wir sind. Der tiefe Sinn dahinter ist immer derselbe: Wir wollen als Person wahrgenommen und bestätigt werden.

 

Der digitale Spiegel: Unsere Online-Identität

Wohin das endlose Streben nach sozialer Anerkennung führen kann, zeigt die britische Netflix-Serie Black Mirror in der viel diskutierten Folge Nosedive. Darin wird der Alltag von Lacie gezeigt, einer jungen, hübschen Mittzwanzigerin, die in einer Version von Amerika lebt, in der mit Hilfe von Smartphones jede menschliche Interaktion bewertet wird – auf einer Skala von 1 bis 5. Über implantierte Kontaktlinsen kann jeder den Score seines Gegenübers sehen. Je höher die Bewertung, desto mehr Vorteile genießt man im Alltag. Regelverstöße (wie Fluchen oder Zuspätkommen) werden knallhart mit Punkteabzug bestraft. Lacie wird in der Folge süchtig nach guten Bewertungen. Alles, was sie tut oder sagt, macht sie nur mit dem Ziel, 5-Sterne-Bewertungen zu bekommen. Dafür übt sie vor dem Spiegel das perfekte 5-Sterne-Lächeln und meidet Menschen, die ihren Score herunterziehen könnten.

Es gibt eine Szene in Nosedive, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Die Szene zeigt Lacie, wie sie verzweifelt im Büro sitzt, weil sie nur bei einem Score von 4,2 liegt – um in ihrem Traum-Apartment leben zu können, braucht sie allerdings schnellstmöglich eine 4,5. In ihrer Verzweiflung kommt sie auf eine Idee: Sie drapiert ihr Kuscheltier aus Kindertagen, macht einen Schnappschuss und lädt es in ihrem sozialen Netzwerk hoch. Sie hofft, dass der Niedlichkeitsfaktor des Kuscheltiers 5-Sterne-Bewertungen einbringt und damit ihren Schnitt nach oben zieht. Gebannt schaut sie auf ihr Smartphone-Display. Und tatsächlich: Nach einem kurzen  Moment des Bangens kommen die ersten 5-Sterne-Bewertungen rein. Man sieht Lacie an, wie ihr eine zentnerschwere Last von den Schultern fällt. Sie strahlt. Sie ist glücklich.

Das Ganze ist natürlich nur eine Szene aus einer Sciene-Fiktion-Serie, doch sind wir mal ehrlich: Wer hat so etwas nicht schon mindestens einmal erlebt? Man postet sein sorgfältig ausgewähltes und minutenlang überarbeitetes Urlaubsbild auf Instagram – und wartet: Wer wird es wohl liken? Wie viele werden es sein? Wer kommentiert was?

Und dann die Erlösung!

Der erste „Like“! Oh, und ein Kommentar von Tina: „Sieht ja super schön aus!“

Gleich mal antworten: „Danke! Und ja, es war auch super schön!“

Einige Minuten später der nächste Kommentar. Dieses Mal von Lena: „Neid! Da will ich auch mal hin“.

Was ist denn heute los? Das Foto muss ja echt gut sein!

Gleich wieder antworten: „Das nächste Mal bist du dabei!“ Und während wir den Kommentar schreiben, macht sich ein beglückendes Gefühl in unserem Gehirn breit. Wir entspannen und werden zufrieden.

 

Und plötzlich sind wir Dopamin-Junkies

Der Ort in unserem Gehirn, der uns nach Likes, Instagram-Herzchen und Kommentaren lechzen lässt, ist der gleiche, der Menschen auch nach Drogen oder Glücksspiel süchtig werden lässt: eine Struktur in der Mitte des Gehirns, deren Nervenzellen den Botenstoff Dopamin ausschütten. Dieser Stoff löst in uns ein Gefühl von Glück und Stärke aus, das für den Rausch typisch ist. Jedes Like, jeder Snap, jede WhatsApp-Nachricht – also jede Form von Anerkennung – die wir durch unsere sozialen Netzwerke erhalten, verschafft uns einen kleinen Glücksrausch. Je stärker das Signal der Anerkennung, desto mehr Dopamin wird freigesetzt und desto mehr wollen wir davon. Wir werden süchtig, werden zu Dopamin-Junkies.

Larissa, meine brasilianische Gastschwester, war so ein Dopamin-Junkie.

Drei Monate bevor ich nach Brasilien flog, sendete mir Larissa in allen möglichen sozialen Netzwerken eine Freundschaftsanfrage. Natürlich akzeptierte ich Anfragen und beobachte von da an aufmerksam, was sie so postete. Und es gab so einiges zu beobachten: Beinahe täglich postete Larissa ein neues Foto von sich. Mal am Strand, mal im Fußballstadion, mal mit ihrem neuen Freund, mal mit ihren Freundinnen, mal aus Rio de Janeiro, mal aus Berlin und mal aus Südafrika. Als ich die Fotos betrachtete, dachte ich mir oft: ‚Wow, das Mädel muss ja wirklich ein cooles Leben haben!‘

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Larissa und ich bei meiner Abschiedsparty

Ich war voller Vorfreude sie kennenzulernen und hoffte, ein paar Reisen mit ihr machen zu können. Einige Wochen später war es dann soweit. Larissa und ich lernten uns kennen, also im „echten“ Leben. Als ich aus der Ankunftshalle herauskam, stürmte Larissa sofort auf mich zu. Zunächst erkannte ich sie fast gar nicht, da sie viel kleiner und kräftiger war, als auf ihren Fotos. ‚Naja, das ist ja nicht ungewöhnlich, dass Frauen auf Fotos anders aussehen‘, dachte ich und umarmte sie herzlich. Doch in den Tagen danach, als ich mehr Zeit mit Larissa verbracht hatte, wurde mir bewusst, dass nicht nur ihre Fotos anders waren – sie war anders.

Anstatt am Strand lag Larissa lieber zu Hause auf der Couch und schaute pausenlos Netflix. Anstatt Sport zu machen, ging sie shoppen. Und wenn sie – wie fast jeden Tag – schlecht gelaunt nach Hause kam, postete sie am Abend bei Instagram ein Selfie mit dem Status: Life is like a roller coaster, live it, be happy, enjoy life.

Larissa inszenierte ein Leben fernab jeder Realität. Sie führte praktisch ein Doppelleben: ein langweiliges in der realen und ein beneidenswertes in der virtuellen Welt.

 

Leben ohne Instagram-Filter

Manchmal, wenn ich so durch meinen Instagram-Account scrolle, fange ich an zu glauben, dass es eine der größten Fähigkeiten unserer Generation ist, einen Filter über Dinge zu legen und nach außen etwas darzustellen, was wir gar nicht sind. Wir sind gut darin, anderen Menschen zu zeigen, wie „amazing“ unser Leben ist, obwohl wir kreuzunglücklich zu Hause im Bett liegen und Chips in uns reinschaufeln.

Die Frage, die ich mir dabei oft stelle ist:

Werden wir damit langfristig wirklich glücklich werden? Indem wir vorgeben, eine Person zu sein, die wir in der Realität gar nicht sind? Indem wir versuchen, die Leere in uns durch externe Bestätigung und Anerkennung zu füllen?

Letztendlich muss jeder diese Fragen für sich beantworten. Ich für meinen Teil habe mich vor einigen Tagen dazu entschieden, meine persönlichen Social-Media-Profile zu deaktivieren. Vielleicht ist das ein wenig radikal, ja das gebe ich zu. Aber ich glaube, ein Versuch ist es wert. Denn was mich bewegt, ist der Gedanke, dass ich mich am Ende meiner Zwanziger vermutlich weder an meine Instagram-Follower noch an meine Snapchat-Stories erinnern werde.

Stattdessen werde ich mich aber an die Tage erinnern, in denen ich mit meiner Familie gelacht habe. An die absurden Abenteuer, die ich mit meinen Freunden erlebt habe. An die berührenden Stunden, in denen ich mit ganzem Herzen geliebt habe. An die Momente, die kein Selfie der Welt je wiedergeben kann.

Denn das sind die Dinge, die wirklich zählen.

Zumindest für mich.


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PS: Dieser Artikel ist ein Auszug aus meinem ersten Buch “Fast Erwachsen: Über die Suche nach Liebe, Sinn und einem verdammten Job” das am 06.11.2017 offiziell erhältlich ist.