photo-1445965366991-e6b18e56a0b4-min

Ich erinnere mich an einem Tag im Frühling. Ich war 6 oder 7 Jahre alt und hatte mich bockig in die hintere Ecke des Schuppens verzogen, hoffend mein Vater würde doch noch nachgeben und mir das Pikachu-Plüschtier kaufen, dass ich mir so sehr wünschte. Natürlich kam er nicht. Zurecht. Schließlich war mein Kinderzimmer schon mit Teddys zugepflastert und auch sonst hatte ich allerlei Spielzeug, um die hin und wieder aufkommende kindliche Langeweile zu bekämpfen. Ich hatte also alles, was ich brauchte. Trotzdem war die Welt für mich in diesem Moment ungerecht. Ich jaulte und schrie, bis ich müde einschlief und mein Vater mich ins Bett trug. Als ich am nächsten Tag aufwachte, hatte ich das Plüschtier schon wieder vergessen.

Wenn ich an diese Momente zurückdenke, erscheinen mir meine damaligen Sorgen total trivial. Besonders dann, wenn ich sie mit den Problemen vergleiche, mit denen ich mich heute herumärgere. Was ist schon ein Plüschtier gegen Strom-und Handyrechnungen, Statistik-Klausuren oder Liebeskummer?

 

War früher nicht alles einfacher?

Mit meinen Freunden spielte ich ‚Mutter-Vater-Kind’ und wir stritten darum, wer die Mutter sein darf. Wir zogen uns Mamas Pumps an, räuberten den im obersten Regal versteckten Schminkkoffer und versuchten mit aller Kraft, uns dem Erwachsen-Sein ein bisschen näher zu fühlen. Jeder weitere Schritt in diese Richtung schien ein größerer Erfolg. Wir feierten den Grundschulabschluss, nahmen das erste Mal am Fußballturnier teil und waren stolz wie Weltmeister, als wir zum ersten mal alleine zum Supermarkt laufen durften. Wir konnten es gar nicht erwarten, erwachsen zu werden.

Als Teenager fühlten wir uns schon viel größer. Wir gingen heimlich auf Partys, tranken den ersten Alkohol und trugen Hemden und kurze Röcke. Der 18. Geburtstag schien greifbar, bald würden wir endlich erwachsen sein. Oder nicht?

693C5C3F62

 

Wann werden wir eigentlich erwachsen?

Als ich klein war, habe ich immer gedacht, es gäbe einen bestimmten Zeitpunkt, ab dem man erwachsen sei. So etwas wie einen Zauber, der einen über Nacht von einem unreifen, verunsicherten Teenager zu einem bewussten, reifen Erwachsenen macht. Ein Erwachsener, der bereit ist, für sich selbst zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Heute weiß ich: So leicht ist es leider nicht.

»Das Erwachsenwerden ist ein langsamer, anstrengender Prozess. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann es angefangen hat und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob es jemals endet.«

An meinem 18. Geburtstag wurde ich nicht erwachsen. Ich war zwar zum ersten Mal selbst zu Rewe gefahren und hatte mir den Wodka selbst gekauft, doch mein Verhalten glich wohl eher dem einer 13-Jährigen. Ich pöbelte und zickte herum, verzog mich mit einer Freundin, um Geheimnisse auszutauschen, sprang aufgeregt durch das Haus und wollte am Ende dann doch nur in den Arm genommen werden.

 

Möchtest du deine Zwanziger zur besten Zeit deines Lebens machen? 

Dann sicher Dir jetzt unseren kostenlosen Einsteigerkurs!

>> Hier geht es zum kostenlosen Kurs <<

 

Erwachsenenwerden, das ist also alles andere als einfach.

Mit dem Beginn unserer Zwanziger merken wir immer stärker, dass wir uns nicht mehr vor diesem Schritt des Erwachsenwerdens drücken können. Die Verantwortung verfolgt uns, egal, wohin wir gehen. Irgendwann müssen wir den Schritt ins kalte Wasser des Erwachsenseins wagen, um uns über Wasser zu halten.

Wir müssen nervige Fragen beantworten wie:

»Wollen Sie ein neues Konto anlegen? Wollen Sie studieren? Wenn ja, was wollen Sie studieren?  Wollen Sie eine WG oder eine Ein-Zimmer-Wohnung?  Möchten Sie eine Versicherung für ihre Auto?«

Noch überrascht darüber plötzlich gesiezt zu werden, prasseln all diese Fragen nach unserem 18. Geburtstag und dem Schulabschluss auf uns ein. Ohne Wissen über Steuern, Versicherungen und die Arbeitswelt, sind viele uns natürlich erst einmal mächtig überfordert.

Ahhh, Hilfe! Ich fühle mich doch noch gar nicht bereit, erwachsen zu werden!

Das wird nun so manch einer denken und sich seine geliebte Kindheit zurückwünschen.

Denn plötzlich ist die Situation umgekehrt: Haben wir uns doch früher immer so sehr gewünscht, schnell erwachsen zu werden, probieren wir nun noch irgendwie die letzten Züge der Kindheit auszukosten und an uns zu binden.

»We wish could turn back time, to the good old days. When the mum is singing us to sleep, but now we’re stressed out.«

Auch ich wünschte mir am Anfang meiner Zwanziger auf einmal nichts sehnlicher, als Nachmittags wieder auf dem Spielplatz spielen zu können, Kekse zu futtern ohne an das Wort Kalorien zu denken und einzuschlafen, während Papa mir eine Geschichte vorliest.

Trotzdem wusste ich, dass ich mich mit der Zeit  und den Herausforderungen der Erwachsenenwelt weiterentwickelt hatte. Ohne dass es mir direkt bewusst war, hatte ich die erste Stufen in Richtung Erwachsenwerden bereits genommen.

»I spent my whole childhood wishing I were older and now I’m spending my adulthood wishing I were younger.«

 

Erwachsenwerden ist wie Treppensteigen

Das Erwachsenwerden ist wie eine Treppe, die man mit einem schweren Rucksack besteigt. Wir nehmen eine Stufe nach der anderen und auch, wenn es manchmal nur schwerlich voran geht, kommen wir doch irgendwann oben an.

Es sind Dinge wie die erste eigene Reise, der Studienbeginn, der Umzug in eine fremde Stadt und das Finden neuer Freunde, die uns selbstständiger und reifer werden lassen.  Auch wenn wir vorher oft verunsichert sind und noch viel öfter zweifeln, nehmen wir jede Hürde. Wir haben auch gar keine andere Wahl. Keiner von uns kann einfach zurück zu Mama und Papa rennen, in der Hoffnung, sie würden wie früher unsere Probleme für uns lösen. Die Familie kann eine Unterstützung sein, aber vorankommen müssen wir ab einem gewissen Alter selbst. Dazu gehört es auch, Entscheidung selbst zu treffen  und Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen.

Das stellt sich natürlich die Frage:

Sollte ich also lieber nicht erwachsen werden?

Das klingt nun alles sehr negativ, doch tatsächlich überwiegen eigentlich die Vorteile beim Erwachsenwerden und damit meine ich nicht nur die selbstgekaufte Flasche Wodka und das Autofahren (obwohl das auch verdammt gut ist.). Es gibt noch mehr Vorteil am Erwachsensein.

 

Welche Vorteile hat das Erwachsenwerden?

Freiheit ist wohl der größte Vorteil.

Das mit der Freiheit ist eine schwierige Sache. Einerseits gibt es nichts Schöneres, andererseits geht sie mit viel Verantwortung einher.

In der Zeit des Erwachsenwerdens merken wir oft zuerst gar nicht, wie viel Freiheit wir eigentlich haben. Noch sind viele von uns an die Macht der Gewohnheit gebunden. Wohnt man noch zuhause und beginnt direkt nach dem Abitur zu studieren, merkt man z.B. oftmals gar nicht, was für eine Freiheit man eigentlich hat. Der Weg scheint durch die Gesellschaft vorgegeben und viele von uns gehen diesen Wege, ohne großartig darüber nachzudenken. Irgendwann in unseren Zwanzigern realisieren wir jedoch, dass die Welt mehr zu bieten hat als diesen einen, vorgezeichneten Weg.

Wir fangen an zu denken:

»Wenn ich will, kann ich nun mein Studium abbrechen und um die Welt reisen. Ich kann auswandern, mich selbstständig machen, ein Buch schreiben oder Freiwilligenarbeit in einem anderen Land machen. Nichts ist unmöglich.«

Der zweite große Vorteil ist die Verantwortung. Nun wunderst du dich bestimmt: Hat sie das nicht schon als negativen Punkt genannt? Ja, viele Menschen verbinden dieses Wort eher mit etwas Negativem, ich finde das ist es aber nicht unbedingt. Verantwortung kann aber auch etwas Gutes sein. Verantwortung zu übernehmen heißt nämlich, die Folgen für unser Handeln und Nicht-Handeln zu übernehmen.  Dadurch dass wir diese Folgen direkt zu spüren bekommen, lernen wir schneller und effektiver.

Zudem kann uns Verantwortung das Gefühl vermitteln, wichtig zu sein und gebraucht zu werden. Dies tritt besonders ein, wenn wir beginnen zu arbeiten, ein Team zu leiten oder für jemanden zu sorgen. Mit der Verantwortung können wir nun Dinge selbst in die Hand nehmen und müssen nicht mehr hoffen, dass andere schon den günstigsten Weg für uns wählen.

Natürlich gehören zum Erwachsensein noch viele weitere Dinge, die viele von uns schon in ihrer Teenagerzeit kennengelernt haben und nun einen wichtigen Teil unseres Lebens ausmachen. Dazu gehören in diesem Fall ganz unterschiedliche Aspekte, die auch h mit der neu gewonnenen Freiheit in Zusammenhang stehen z.B endlose Partys, Sex, mehr Respekt und eine individuelle, reifere Weltanschauung.

 

Warum vermissen wir dann trotzdem unsere Kindheit ?

Das Erwachsenwerden hat also Vorteile und doch vermissen wir unsere Kindheit.

Es wird immer Momente geben, in denen wir uns wieder wie 12- Jährige verhalten oder uns die Kindheit zurückwünschen. Das ist normal, immerhin vernachlässigen und unterdrücken wir mit dem Prozess des Erwachsenwerdens viele Eigenschaften, die uns selbst an Kindern positiv auffallen. Dazu zählen die Albernheit, die Neugier, die Unvoreingenommenheit und die Sorglosigkeit.

Wir können die Uhr jedoch nicht zurückdrehen und den alten Zeiten nachzutrauern hat für die Zukunft keinen Zweck. Wir müssen die Vergangenheit schätzen und gleichzeitig die Herausforderungen der Gegenwart annehmen.

Denn später werden wir auf unsere Zwanziger zurückschauen, wie wir es jetzt auf unsere Kindheit tun. Vor uns liegt eine großartige Zeit, über deren Wert wir uns – wie immer – erst später bewusst werden. Wir sollten diese Zeit nutzen und das Beste aus unserer Zwanziger zu machen, anstatt nostaligisch auf unsere Kindheit zurückzublicken.

Wie sagt man so schön:

»Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle weil es schön war.«

 

Was können wir gegen das Vermissen der Kindheit tun?

Natürlich ist es gut, sich reif und erwachsen nennen zu können, doch man sollte sich hin und wieder erlauben, sich wie ein kleines Kind zu benehmen.

Wer sagt, dass Fruchtzwerge nur für Kinder sind, Erwachsene nicht schaukeln dürfen und ein alter Disney-Film nicht auch beste Unterhaltung für die ältere Generation bietet? Manchmal kann es gut sein, eine alte Kindheitserinnerung zum Leben zu erwecken.  Das Vermissen der Kindheit zeigt dir, dass es viele schöne Erlebnisse in deinem Leben gab, an die du dich glücklich zurückerinnern kannst.

Oftmals hilft es schon, zusammen mit Familienmitgliedern in einem alten Fotoalbum zu blättern und zusammen über die alten Zeiten zu lachen.

»If you carry your childhood with you, you never become older.«

Ich selbst habe mir viele Gedanken über das Erwachsenwerden gemacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass es keinen Zeitpunkt gibt, an dem wir endlich erwachsen sind. Das ganze Leben lang wachsen wir an Erfahrungen. Wir lernen was Verantwortung und Entscheidungen bedeuten, doch in uns drin bleiben wir zu einem kleinen Teil immer das Kind, das wir einmal waren.

An Tagen, die mit Stress und Arbeit gefüllt sind, hilft es mir manchmal, am Kiosk eine Capri Sonne zu kaufen und  mich mit meinem alten Walkman im Park auf eine Schaukel zu setzen. Dann kann ich am besten in Erinnerungen schwelgen und für einen Augenblick vergessen, dass ich schon erwachsen bin.

 

Hast du Angst vor dem Erwachsenwerden?

 

Trau dich und schreibe einen Kommentar!

PS: Falls dir dieser Post gefallen hat, dann teile ihn doch mit deinen Freunden und allen twentysomethings.

Lisa Carstensen

Lisa ist offizielle Co-Autorin des twentysomething 1×1.
Sie schreibt gerne über ihre Lieblingsthemen Reisen, Studium und Beziehungen. Ist sie nicht gerade mit ihrem Psychologiestudium beschäftigt, findet man Lisa wahrscheinlich an der Nordsee oder am anderen Ende der Welt.