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Ich wusste, dass es sich in meinen Koffer geschlichen hatte. Unter Büchern, Reisehandtuch und Flugtickets war es versteckt.  Ich war mir bewusst, dass es irgendwann hinauskommen würde. Doch so schnell hatte ich nicht damit gerechnet. Ich war  gerade erst zwei Tage unterwegs und schon hatte es mich gepackt: Das Heimweh.

Es zog an mir wie ein lästiger kleiner Gnom, der mich überallhin begleitete. Manchmal flüsterte es mir ins Ohr : ,,Noch 22 Nächte, bis du wieder nach Hause kannst!’’  Dann nahm es mein Handy, durchblätterte alte Familienfotos und zeigte mir die neusten Partybilder meiner Freunde auf Facebook. Alle waren zu sehen – außer ich.

Unweigerlich beschlich mich das Gefühl, ich würde etwas verpassen. Langsam kam Panik auf. Für einen Moment zog ich es in Erwägung sofort zum Flughafen zu sprinten und den nächsten Flug zurückzunehmen.  Aber das war natürlich nicht richtig.

“Beruhig dich!”, sagte ich mir. “Du hast dich wochenlang auf diese Reise gefreut. Warum solltest du jetzt nach zwei Tagen wieder den Heimweg antreten? Bist du verrückt?”

“Ja”, dachte ich,  “unter Heimweheinfluss ist man wohl manchmal nicht ganz bei Sinnen.”

Dabei ist Heimweh etwas total Gewöhnliches, das die meisten Reisenden eines Tages trifft, sei es nach 2 Tagen, 2 Wochen oder 2 Monaten.

 

Warum haben wir Heimweh?

Findest du es nicht auch verrückt, dass wir erst nichts mehrwollen als zu reisen und wenn wir dann weg sind, wir nichts mehr wollen als wieder Zuhause zu sein?

Doch woran liegt das?

Das habe ich mich selbst oft genug gefragt, wenn mich das Heimweh mal wieder auf einer meiner Reisen gepackt hat. Plötzlich haben wir ein mulmiges Gefühl und vermissen unsere Heimat, unsere Freunde und unsere Familie stärker, als wir es je zuvor getan haben.  Dabei kann das Heimweh sehr lästig werden. Es behindert uns dabei, Neues zu erleben und auch fernab von Zuhause einfach glücklich zu sein.

Für das Heimweh kann es verschiedene Gründe geben.  Oftmals ist es eine natürliche Reaktion des Körpers. Wenn wir unser gewohntes Umfeld verlassen und unbekanntes Terrain betreten,  sind wir  aufgeregt. Dieses Aufgeregtheit kann schnell in Nervosität und Panik umschlagen, wenn wir realisieren, dass unsere alte Ordnung und Sicherheit nun nicht mehr in unserer Reichweite sind. Auf Reisen wissen wir nicht immer,  wie wir den richtigen Weg finden oder wo wir heute Nacht schlafen.  So kann schnell der Wunsch nach heimatlicher Sicherheit entstehen.

Manchmal reicht auch ein Geruch oder ein kurzer Blick, um uns an etwas von Zuhause zu erinnern. Wir müssen uns dessen nicht einmal bewusst sein. Es kann passieren, wenn wir dasselbe Auto sehen, was auch die Schwester besitzt, wenn jemand dasselbe Parfüm wie unser daheimgebliebener Partner trägt oder auf Facebook die Werbung für den Tatort über den Bildschirm flackert.

 

Heimweh kann plötzlich auftreten oder sich langsam anbahnen

Bei mir ist es meist ein Mix aus beiden. An Tagen, die ich normalerweise mit meiner Familie verbringen würde wie Weihnachten oder Ostern muss ich mich sehr zusammenreißen, damit das Heimweh mir nicht die schönen Reisemomente vermiest.

Entsteht es nicht durch einen flüchtigen Eindruck, dann entsteht es meist durch Nachdenken. Nachdenken macht oft unglücklich, das wissen die meisten von uns. Je mehr wir darüber nachgrübeln, was unsere Liebsten zuhause wohl gerade machen, desto stärker sehnen wir uns nach ihnen.

Ich glaube, das Schlechteste was man machen kann, ist, dem Heimweh sofort nachzugeben.  Auf das Bauchgefühl zu hören ist häufig gut, doch Heimweh gehört zu den Emotionen, die uns oft in die Irre führen. Es ist eine andere Form von Angst. Angst, die uns davon abhält, Dinge zu tun, die wir uns schon lange erträumt haben. Wir müssen es überwinden.

 

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Aber wie überwinden wir unser Heimweh?

Schon kurz nach meiner Ankunft auf Fidschi, hatte ich  so starkes Heimweh wie noch nie in meinem Leben. Ich verkroch mich traurig in meinem Zimmer und heulte mir die Augen aus dem Kopf.  Ein Gefühl der Einsamkeit machte sich in mir breit, obwohl ich umgeben war von Palmen, Strand und Ukulele-Klängen. Ich fühlte mich traurig in einem Land, das doch bekannt ist für seine Fröhlichkeit. Die Dusche war kalt, der Kellner brachte das Essen erst nach einer Stunde (Fidschi-Time) und das Taxi war eine Klapperkiste. Meine Heimat schien mir entfernter denn je.

Es war keine leichte Entscheidung an der Rezeption nach dem Telefon zu fragen und am Flughafen anzurufen. Die Rezeptionistin schaute mich mitfühlend an und strich mir über den Arm. Ich fühlte mich schuldig  gegenüber all den lieben einheimischen Menschen, die sich sehr bemühten, mir das Schöne an Fidschi zu zeigen. 500 Euro kostet  der neue Flug. Heimweh konnte ziemlich teuer sein. Ich buchte den Flug um und verließ Fidschi.

Im Nachhinein habe ich diesen Schritt oft bereut, besonders, da ich weiß, dass ich mein Heimweh mit ein paar simplen Strategien vielleicht hätte überwinden können.

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6 Strategien, die dir helfen, das Heimweh loszuwerden

 

1. Nicht verkriechen sondern rausgehen!

Ist man traurig und fühlt sich einsam, zieht man sich meist zurück und probiert erst mal alleine mit dem Problem klarzukommen. Gerade bei Heimweh ist das die falsche Reaktion. Auch wenn man es sich vorher nicht vorstellen kann, hilft es sehr, andere Reisende zu treffen,  mit der Gastfamilie Zeit zu verbringen oder zur Not auch einfach alleine durch eine Stadt zu spazieren. Allein die Anwesenheit anderer Menschen, gibt einem das Gefühl, nicht mehr so allein zu sein.

 

2. Mit jemandem Reden

Wenn ich auf meinen Reisen erzähle, dass ich Heimweh habe, schauen mich andere Backpacker oft seltsam an. “Heimweh? Wieso das denn?” Heimweh ist jedoch etwas ziemlich Gewöhnliches, das nicht gleich bedeutet, dass man nicht fürs Reisen gemacht ist. Man sollte sich deswegen auch nicht schämen, darüber zu sprechen. Sich seine Gefühle von der Seele zu reden, ist oft sehr befreiend. Es ist egal, wem man von seinem Problem erzählt, es kann die Gastmutter sein, der Zimmernachbar im Hostel oder die beste Freundin.

 

3. Soziale Medien Pause

Wer auch auf Reisen immer zu am Handy hängt und all die Meldungen aus der Heimat verfolgt, braucht sich nicht wundern, wenn er Heimweh hat. Die sozialen Medien vermitteln uns schnell das Gefühl, etwas zu verpassen, obwohl wir uns  selbst vielleicht gerade im Paradies befinden. Tagsüber sollte man deswegen das Handy einfach mal im Rucksack lassen und das Hier und Jetzt genießen.

 

3. Ein Stück zuhause mitnehmen

Das Wort Zuhause definiert wohl jeder Mensch unterschiedlich. Es muss nicht zwangsweise für einen Ort stehen. Genauso kann es für Gewohnheiten und Menschen stehen, die einem am Herzen liegen. Bei Heimweh hilft es eine dieser Gewohnheiten beizubehalten, zum Beispiel das tägliche Joggen. Auch kann es gut sein, ein deutsches Restaurant zu besuchen oder deutsche Musik zu hören.  So fühlt man sich der Heimat trotz der Ferne etwas näher. Vielleicht hat ja auch ein Familienmitglied oder ein Freund Lust, einen zu besuchen und ein bisschen mitzureisen?

 

5. Von seinen Erlebnissen berichten

Nicht jedem liegt das Schreiben, doch es muss ja auch kein Meisterwerk dabei herauskommen. Seine Erlebnisse in einem Blog, bei Instagram oder in einem Reisetagebuch festzuhalten, zeigt einem selbst, was man schon alles geschafft und erlebt hat.  Außerdem lässt es andere an den Erlebnissen teilhaben.

 

6. Einen Mittelweg wählen

Manche Reisen sind einfach nicht so, wie man es sich vorgestellt hat. Wird dann auch noch das Heimweh immer größer und man fühlt sich von Tag zu Tag unwohler, muss man sich manchmal eingestehen, dass es besser ist, seine Pläne zu ändern.  Die Reisezeit zu kürzen kann ein Kompromiss sein, mit dem man selbst glücklich wird.

 

Diese 6 Wege sind eine gute Hilfe für alle, die das Reisen lieben und den Willen haben, das Heimweh zu besiegen.  Allerdings neigen wir alle dazu, das zu rechtfertigen,  was uns Geld und Arbeit gekostet hat und worauf wir uns lange gefreut haben. Ist die Reise allerdings nur noch eine Quälerei, sollte man einfach loslassen und lieber nachhause fliegen.  Heimweh zu haben, bedeutet keineswegs, dass man schwach ist oder aufgibt.  Besonders in unseren Zwanzigern müssen wir uns manchmal eingestehen, dass wir auf dem falschen Weg sind und eine Alternative besser zu uns passen würde.

 

Manche sind eben nicht fürs Reisen gemacht und sind am glücklichsten Zuhause. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die jeder in seinen Zwanziger machen muss: Wo und wie sind wir glücklich und wo nicht?

 

Ich persönlich habe durch Heimweh gelernt, meine Heimat mehr wertzuschätzen. Während ich früher die meisten Dinge als selbstverständlich erachtet habe, wurden sie durch das Heimweh etwas Besonderes, das es wert war, zu vermissen. Die warme Dusche, Omas Pfannkuchen, der Nordsee-Wind, Bundesliga im Fernsehen, all diese Dinge habe ich mir auf Fidschi herbeigewünscht.

Selbst meine nervige Nachbarin hätte ich wohl voller Freunde darüber, jemand Bekanntes zu sehen, umarmt.  In diesen Heimweh-Momenten habe ich realisiert, wie schön mein Zuhause doch ist und dass es einen Orte und Menschen gibt, zu denen  ich immer wieder zurückkehren möchte.

 

»Maybe you had to leave in order to really miss a place; maybe you had to travel to figure out how beloved your starting point was.«
Jodi Picoult – Handle with Care

 

 

Heimweh ist also keineswegs nur etwas Negatives. Es ist wie ein Gummiband, das uns immer wieder dorthin zurückzieht, wo wir uns wohl fühlen und angenommen werden. Trotzdem ist es immer wieder gut, zu neuen Reisen aufzubrechen und das Heimweh zu überwinden. Das Heimweh lässt uns wachsen, ausbrechen und vielleicht finden wir am anderen Ende der Welt sogar irgendwann ein Zuhause.

 

Wie gehst du mit Heimweh um?

 

Trau dich, und schreibe einen Kommentar über deine Erfahrungen.

PS: Falls dir der Post gefallen hat, dann teile ihn doch mit deinen Freunden und allen twentysomethings, die ihre Zwanziger richtig leben wollen.

Lisa Carstensen

Lisa ist offizielle Co-Autorin des twentysomething 1×1.
Sie schreibt gerne über ihre Lieblingsthemen Reisen, Studium und Beziehungen. Ist sie nicht gerade mit ihrem Psychologiestudium beschäftigt, findet man Lisa wahrscheinlich an der Nordsee oder am anderen Ende der Welt.
  • Leandra

    Du sprichst mir aus dem Herzen! Ich hatte letztes Jahr geplant für ein halbes Jahr in einem indischen Kinderheim zu arbeiten. Dort war ich aber dann doch so verzweifelt und einsam, dass ich sogar schon rote Kreuze in meinen Kalender gemacht habe an Tagen, an denen ich nicht geweint habe (was sehr spärlich vorkam). Ich hatte mir eigentlich davor das Ziel gesetzt, egal was passiert, ich ziehe das auf jeden Fall durch. Weil es dann aber wirklich schrecklich war habe ich schon nach zwei Monaten aufgehört und meine Eltern sind gekommen und wir sind noch einen Monat gereist und dann nach Hause. Im Nachhinein bereue ich eher, dass ich nicht schon früher gegangen bin. Noch heute habe ich einen Kloß im Hals, wenn ich an die Zeit zurückdenke. Aber ich bereue die Zeit trotzdem keines Falls!
    Liebe Grüße 🙂