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Ein Satz.

Drei Worte.

Elf Buchstaben.

Und plötzlich ist nichts mehr wie es war.

Eine tödliche Bedrohung tritt in Deine Welt. Packt Dich, will Dich niederringen, gönnt Dir keine Pause. Drei Worte, die auf einen Schlag alles verändern: „Du hast Krebs“.

Es war November 2014 in Berlin, als Marisol diesen Satz aus dem Mund ihres Arztes hörte:

“Marisol, du hast Krebs.”

Sie war 21 Jahre alt und für einen kurzen Moment blieb ihre Welt stehen.

Heute kämpft Marisol – wie tausende andere junge Menschen – immer noch gegen Leukämie und ihre Folgen. Ich durfte Marisol im Dezember letzten Jahres in ihrem Berliner Krankenhaus persönlich kennenlernen und war von ihrer positiven Ausstrahlung begeistert. Ich fragte sie, ob sie ihre Geschichte mit euch teilen würde und glücklicherweise sagte sie zu.

Im Interview mit dem twentysomething 1×1 erzählt Marisol jetzt über ihre Krankheit, warum sie nach ihrem Zwilling sucht und was ihr größter Traum ist.

 

Diagnose Krebs: Und plötzlich ist alles anders

 

Hallo Marisol, kannst du dich kurz vorstellen?

12804601_10207427181550770_23780024_nJa gerne, ich bin Marisol, 22 Jahre alt (eigentlich 23, aber ich feiere solange meinen 22. Geburtstag, bis ein gesunder dabei ist). Meine Mutter kommt aus Lateinamerika und mein Vater aus Deutschland. Ich bin für mein Abitur nach Berlin gezogen und mache seit dem Sommer 2014 eine Ausbildung zur Erzieherin und ein Fernstudium in Psychologie.

 

 

Marisol, Du kämpfst gegen Leukämie. Was genau ist Leukämie eigentlich, wenn du es in deinen eigenen Worten beschreiben müsstest?

Puh, das ist gar nicht so leicht, aber ich versuche es. Leukämie wird umgangssprachlich auch als Blutkrebs bezeichnet. Es ist eine Erkrankunge des blutbildenden Systems des Körpers. Mein Körper arbeitet also quasi gegen sich selbst. Mein Knochenmark ist nicht mehr in der Lage, gesunde und reife weiße Blutkörperchen zu produzieren. Diese Blutkörperchen sind wichtig für das Immunsystem. Da irgendwas mit mir nicht stimmt, produziert mein Knochenmark immer mehr weiße Blutkörperchen, die aber nicht das tun, was sie tun sollen. Irgendwann ist dann kaum noch Platz für die anderen Blutkörperchen und stören damit die Bildung normalen Blutes.

 

Wie hast du bemerkt, dass du Leukämie hast?

So richtig habe ich es damals gar nicht bemerkt. Es werden natürlich nach ein paar Wochen Organe durch das kranke Blut beschädigt, aber das ist nicht weiter auffällig. Bei mir traf es beispielsweise die Leber, die keine Nerven hat und mir deshalb keinen Schmerz bereitete. Irgendwann hatte ich dann eine Mandelentzündung, ein angeschwollenes Gesicht, Nachtschweiß und war unglaublich müde und kurzatmig. Das waren alles Symptome, die ein Mädchen in meinem Alter aber nicht wirklich ernst nimmt. An einem Donnerstagmorgen stand dann ein Musiktest in der Schule an. Ich war allerdings viel zu müde, um zu lernen und habe deshalb beschlossen mich krank schreiben zu lassen. Ordentlich ausschlafen und den Test nächste Woche nachschreiben also. Dazu musste ich mir jedoch ein Attest holen. Ich ging zum Arzt und um das Attest auch wirklich zu bekommen, holte ich natürlich richtig weit aus und zählte alles auf. was in der letzten Zeit merkwürdig gewesen war. Der Arzt hat mich direkt ins Krankenhaus geschickt und ich habe mich sogar noch dafür geschämt, weil ich Angst hatte, doch zu dick aufgetragen zu haben. Im Krankenhaus ging dann plötzlich alles ganz schnell: Butabnahmen, Infusionen, Medikamente und Hektik- das volle Programm. Für mich war das alles ein riesiger Schock. Ich laf zuvor noch nie im Krankenhaus und plötzlich wurde so viel Wirbel um mich gemacht, nur weil ich einen Musiktest nicht schreiben konnte. Ich wusste überhaupt nicht, was los war.

 

Als du davon erfahren hast, was ging da in Dir vor?

Am Samstagmorgen, den 22.11.2014, kam dann endlich der Arzt zu mir, setzte sich neben mein Bett und sagte: “Sie haben Krebs”. Damit hatte ich schon ein bisschen gerechnet, nach all dem Wirbel um mich. Doch erst als es der Arzt aussprach, wurde es plötzlich real. Der Arzt fing an mir alles zu erklären. Er erklärte mir, was in meinem Körper passiert und was alles auf mich zukommen würde. Obwohl er laut mit mir sprach, nahm ich eigentlich nur seine Mundbewegungen wahr, meine Ohren waren taub. In meinem Kopf war einfach nur “Ohaaa, du hast Krebs! Du hast Krebs! Du hast Krebs!” Ich konnte die Situation gar nicht realisieren. Als der Arzt aufstand, liefen mir die Tränen hinunter, weil mich eine riesigengroße Angst packte. Ich schrieb allen Freunden, die wussten, dass ich im Krankenhaus lag, einfach nur einen Satz: “Ich habe Krebs.”. Ich glaube, ich erhoffte mir an deren Reaktion endlich zu spüren, was eigentlich gerade mit mir passiert. Es fühlte sich unecht an, bis mich die ersten weinend anriefen und sich auf den Weg zu mir machten.

 

Wie ging es nach dem ersten Schock weiter?

Mari sucht Held / www.pascalkeller.com

Mari nach der Chemo-Therapie

Nach dem ersten Schock hatte ich keine Zeit, um das alles zu verarbeiten, denn ich hatte mittlerweile schon 80% Blasten im Körper und nur noch wenig Zeit zu überleben. Wenn nicht sofort gehandelt werden würde, würde ich sterben, denn bei der akuten lymphatischen Leukämie hat man nur noch ca. 6 Wochen Zeit zu reagieren; danach stirbt man. Die Leukämie war also schon ziemlich weit fortgeschritten. Mein Vater erkundigte sich, was den Therapieverlauf betrifft und meine Mutter war für mich da. Ich war einfach nur hilflos und verstand noch nicht allzu viel von dem, was mich erwarten würde.

 

Für viele Menschen ist das Wort “Chemo” eine Horrorvorstellung. Wie ging es dir als du kurz vor deiner ersten Chemo standest?

Meine Angst vor der Chemo war groß. Ich kannte das Wort und hatte auch über einige Nebenwirkungen (Übelkeit, Haarausfall) usw.) gehört. Aber was genau “Chemo” bedeutete, davon hatte ich keine Ahnung. Heute weiß ich es. Die Chemo zerstört Zellen, die sich schnell teilen, da die Krebszellen die Eigenschaft besitzen, sich besonders schnell zu teilen. Die Chemo zerstört also alle Zellen; die kranken, aber auch die gesunden. Somit kommt es zu Haarausfall, diversen Mundschleimhautentzündungen  und einem sehr schwachen Immunsystem. Das ist auch der Grund, warum ich während meiner Chemo-Therapie “umkehrisoliert” werde, das heißt, dass man sich mit Kittel, Handschuhen und Mundschutz verkleiden muss, um mich zu sehen. So sehr man sich vorher auch desinfiziert, mein Immunsystem ist während der Chemo so schwach, dass es für die kleinsten Erreger anfällig ist. Die Zeit in der Isolation ist nicht immer leicht für mich, da ich von allen Menschen nur die Augen sehe und alle so steril sind. Da fühlt man sich irgendwann gar nicht mehr dazugehörig.

 

Wie sieht dein Leben momentan aus? Wie geht es dir?

Den Umständen entsprechend geht es mir gerade gut. Momentan liege ich wieder im Krankenhaus für eine Chemo, was mittlerweile schon Routine für mich geworden ist. Ich liege seit sechs Wochen hier und es wird darauf gewartet, dass mein Blut sich wieder etwas stabilisiert. Dann kann ich wieder für ein paar Tage raus und ein bisschen normales Leben führen, soweit es kräftemäßig möglich ist.

 

Mari sucht Held / www.pascalkeller.com

Mari bei den Vorbereitungen auf die Registrierungsaktion

 

Durch deine Krankheit bist du in den vergangen Monaten in die Öffentlichkeit gerückt. Du hast eine eigene Facebook-Fanpage Mari sucht Held und Spendendosen mit deinem Gesicht stehen in Berlins Cafes und Bars. Aber vor allem deine Familie und deine Freunde sorgen jeden Tag dafür, dass möglichst viele Menschen auf deine Registrierungsaktion aufmerksam werden. Wie fühlt sich das für dich an?

Diese Registrierungsaktion ist mir enorm wichtig. Bei Leukämie ist es sehr wahrscheinlich, dass die Krankheit wiederkommt und wenn das passiert, ist man auf eine Knochenmarksspende angewiesen. Das ist der einzige Weg, um das dann zu überleben. Für mich wird es schwierig werden einen geeigneten Spender zu finden, da ich gemischte Gene habe: deutsche und lateinamerikanische. Bei der Registrierung machen wir uns also praktisch auf die Suche nach meinem genetischen Zwilling. Bisher wurde mein Zwilling noch nicht gefunden, aber vielleicht sitzt er ja gerade vorm Bildschrim und liest dieses Interview 😉 Die Unterstützung, die ich bei der Registrierungsaktion von Freunden erfahre, ist enorm und ich bin unglaublich stolz auf jeden, der mir helfen möchte. Davon gibt es mehr als ich erwartet habe, auch Menschen die mich gar nicht kennen. Das ist einfach großartig!

 

Ich durfte dich vor knapp drei Monaten selbst kennenlernen und habe dich als eine spaßige, ständig lächelnde Frau wahrgenommen. Das fand ich bewundernswert. Wie schaffst du es, dir trotz allem den Spaß am Leben nicht nehmen zu lassen?

Ich war schon vorher ein sehr lebensfroher Mensch. Es ist nun alles andere als einfach, aber ich versuche oft auch den schlechten Dingen etwas Gutes abzugewinnen. Ich weiß es zu schätzen, dass ich es auch in diesen schweren Zeit nie verlernt habe zu lächeln.

 

Gab es dennoch Tage an denen du aufgeben wolltest?

Im Sommer 2015 gab es eine unglaublich schwere Phase. Ich lag drei Monate lang im Krankenhaus und auch auf der Intensivstation. Hatte 18 Tage lang über 40 Grad Fieber, eine Lungenentzündung, Blutvergiftung, Stammhirnentzündung, Magendarmentzündung, Sehnerventzündung und was weiß ich nicht noch alles. Die Schmerzen und Medikamente waren sehr stark. Teilweise waren die Schmerzen so stark, dass ich mir gewünscht habe, in Ohnmacht zu fallen. Es gab in dieser Zeit auch zwei Tage, an denen ich wirklich gedacht hab “Oh mari.. könnte knapp werden jetzt… hoffentlich wachst du morgen wieder auf”. Doch aufgeben kam und kommt für mich niemals in Frage!

 

Mari sucht Held / www.pascalkeller.com

Mari`s Geburtstag Deko 🙂

Und du hast nicht aufgegeben!  Wer oder was gab dir Kraft in dieser Zeit?

Meine Eltern waren rund um die Uhr für mich da. Meine Mutter verbrachte die Nächte neben mir auf einem Campingstuhl und war einfach da. Das gab mir Kraft. Besuch von Freunden konnte ich nicht empfangen, aber ich wusste die ganze Zeit, dass an mich gedacht wurde. Einige meiner Freunde schrieben meiner Mutter und sie las mir die texte dann vor. Ich wusste ich bin nicht allein. Das ist so viel wert.

 

Jede schwierige Phase unseres Lebens bietet auch immer die Chance zur Reflexion. Was hast du in den letzten Wochen über dich und das Leben gelernt?

Es ist alles schwer und wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich mich natürlich gegen den Krebs entscheiden. Doch diese Krankheit hat mir nicht nur vieles genommen, sondern auch so manches gegeben. Erkenntnisse über mich und diverse Auseinandersetzungen mit dem Tod und dem Leben. Ich habe in dieser ganzen Zeit unglaublich viel gelernt; über mich selbst, über mein Umfeld und eigentlich über alles, was mich betrifft und umgibt. Ich habe gelernt, dass ich viel stärker bin, als ich je gedacht hätte. Ich habe gelernt, dass ich mutig bin. Ich habe gelernt, dass ich so viele positive Eigenschaften in mir selbst trage, für die ich eigentlich immer andere bewundert habe. Ich habe auch viel über Freundschaft gelernt in dieser Zeit. Natürlich sind einige Freundschaften zerbrochen, andere degegen viel stärker geworden. Ich weiß nun, auf wen ich zählen kann und wer mit mir umgehen kann – oder auch nicht kann.

 

Wenn du auf die letzten Monate zurückblickst: Auf was bist du besonders stolz?

Ich bin stolz auf mich, meine Familie und meine Freunde. Für Angehörige ist die Situation auch eine riesige Belastung. Ich bin stolz auf die, die sich damit auseinandersetzen und für mich da sind. Ich bin stolz darauf, dass ich immer großen Wert auf Freundschaften gelegt habe und sich das nun auszahlt.

 

Was ist dein größter Traum für die Zeit nach dem Krebs?

Mein Traum ist es irgendwann sagen zu können: “Ich bin geheilt!”. Ich möchte reisen, die Welt erkunden und irgendwann auch eine eigene Familie haben.

 

Welche Ratschläge kannst du jungen Menschen mit auf den Weg gegeben, die mit ähnlich schwierigen Situationen in ihren Zwanzigern kämpfen müssen?

Ratschläge gebe ich nicht so gerne. Ich denke jeder hat seine eigenen Methoden, um mit schwierigen Situationen klarzukommen und das ist auch gut so. Ich finde es wichtig, nie die Hoffnung zu verlieren und daran zu glauben, dass nach einem Tief immer wieder ein Hoch kommt. So hart manche Erfahrungen auch sein mögen, sie formen uns und wir können so viel daraus lernen. Aufgeben sollte gerade in unserem Alter keine Alternative sein, denn meistens steckt mehr in uns, als wir uns eigentlich zutrauen.

 

Vielen Dank für das tolle Interview, Marisol!

Mehr über Marisol erfährst du auf ihrer Facebook-Page Mari sucht Held.  Ansonsten lege ich dir die Spender-Seite der DKMS ans Herz. Lass dich noch heute registrieren. Geht schnell, kostet nichts und kann vielleicht ein Leben retten.

Unterstütze Mari und tausende andere twentysomethings, die mit den Folgen von Leukämie kämpfen.

Ich bin schon registriert und du?

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Hast du auch schon einmal eine richtig schwere Phase in deinen Zwanzigern durchmachen müssen? Wie hast du sie gemeistert?

 

Trau dich, und schreibe einen Kommentar über deine Erfahrungen.

PS: Falls dir der Post gefallen hat, dann teile ihn doch mit deinen Freunden und allen twentysomethings, die ihre Zwanziger richtig leben wollen.

Pascal Keller

Pascal ist Gründer und Autor des twentysomething 1x1. Er hat zwar nicht alle Antworten auf das Leben als twentysomething, aber er versucht sie zu finden und damit anderen jungen Menschen zu helfen ihre Zwanziger zur besten Zeit ihres Lebens zu machen.

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  • Saskia

    Ich bewundere Marisols Mut, offen über ihre Krankheit zu sprechen. Und ich finde es sehr wichtig die Leute über Leukämie zu informieren und vorallem zum Registrieren aufzurufen. Ich selbst bin auch registriert und würde sofort helfen, falls mein Knochenmark geeignet ist. Ich wünsche Marisol und ihrer Familie weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen.

  • Sarah

    Hallo
    Ich finde es richtig toll wie sie gegen diese Krankheit ankämpft. … mit soviel Energie und Lebensfreude.
    Ich bin auch schon seit einiger Zeit bei der DKMS registriert.?

    Ich bin mittlerweile 31 Jahre alt, mir hat es aber auch anfang 20 den Boden unter den Füßen weg gerissen.
    Ich war damals 21 Jahre alt als meine Mama sich das Leben genommen hat.
    Es gibt natürlich dazu eine lange Vorgeschichte.
    Ab diesen Zeitpunkt waren meine Schwester und ich auf uns alleine gestellt, da unser Papa mit 28 Jahren an Krebs verstorben ist.
    Mittlerweile stehen wir mitten im Leben und ich bin stolz auf uns das wir diese Zeit durchgestanden haben.